
Quelle des Zorns
Roman
von Erika Kroell
ISBN 3-937092-00-5
Prolog
Seine kleinen schwarzen Augen fixierten starr die gegenüberliegende
Seite des Käfigs. Die runden Ohren folgten wie winzige
Satellitenschüsseln den Geräuschen des Raumes, orteten das unmelodische
Summen des Sterilisators, das feuchte Zerplatzen der Wassertropfen, die
aus dem silbernglänzenden Hahn in das Metallbecken fielen, das kaum
wahrnehmbare Rascheln des Strohs auf der anderen Seite des Käfigs.
Seine Barthaare zitterten, und die lange, spitze Nase zuckte, während
sie alle Gerüche der Umgebung aufnahm und an das kleine,
leistungsstarke Gehirn weitergab, wo sie analysiert und Erfahrungen und
Emotionen zugeordnet wurden. Der Rattenmann unterschied den kräftigen
Duft des Futters, das er vor kurzer Zeit gegessen hatte und von dem nur
noch krümelige Reste in einer Ecke lagen; den scharfen Geruch seines
eigenen Urins, der eng mit einem Gefühl der Stärke verknüpft war; den
süßlich-warmen Dunst des frischen Strohs unter seinem Körper.
Diese Gerüche überlagerte ein intensiver Duft, den seine Gehirnzellen
mit Macht und Verlangen verknüpften, mit Wunsch und Notwendigkeit.
Seine Augen fixierten immer noch die Rattenfrau in der
gegenüberliegenden Käfigecke, die seinen Blick ebenso starr erwiderte
und dabei dieses unwiderstehliche Aroma ausströmte, dessen Kraft beiden
nicht bewusst war. Sie zitterte leicht durch die Anspannung, mit der
sie ihren Körper auf das Kommende vorbereitete. Auch sie ließ ihre Nase
forschend schnuppern, und sie roch Kraft und Verlangen und spürte, dass
die Zeit gekommen war. Sie wandte den Blick ab und drehte sich um.
Diese Geste der Bereitschaft würde unweigerlich die Starre des
Rattenmannes lösen und das genetisch verankerte Fortpflanzungsverhalten
auslösen, das für beide ein elementarer und immer wiederkehrender
Bestandteil ihres Lebens war.
Der Rattenmann sog noch einmal den betörenden Lockstoff ein, dann
stellte er sich auf seine Füße und streckte den langen Körper. Doch
bevor er zum ersten Schritt ansetzen konnte, öffnete sich mit leisem
Quietschen der Deckel des Käfigs, und eine Hand bewegte sich auf den
Rattenmann zu. Er verharrte in seiner Position und starrte die Hand an.
Drei der fünf Finger hielten eine Spritze mit einer feinen Kanüle, von
deren Spitze sich ein Tropfen löste und lautlos im trockenen Stroh
versickerte. Der Rattenmann wusste nicht, dass das eine Hand und eine
Spritze waren, aber er wusste um den Schmerz, den er gleich fühlen
würde. Sein Körper begann zu zittern, und als die Nadel durch sein
weiches Fell in die Haut eindrang, schloss er die Augen.
Die Rattenfrau spürte die Veränderung sofort. Es roch plötzlich nach
Angst, nach Schmerz und Gefahr. Sie gab ihre Erwartungshaltung auf und
wandte sich wieder um. Die Hand zog sich aus dem Käfig zurück und
verschloss den Deckel. Gegenüber war der Rattenmann wieder in eine
kauernde Position zurückgefallen. Seine Augen waren geschlossen, und
seine alles durchdringende Aura von Furcht und Entsetzen legte sich
über die Rattenfrau wie ein feuchter Nebel. Sie ließ sich ebenfalls
niedersinken, legte den Kopf zwischen ihre Vorderpfoten und starrte den
Rattenmann an.
Der Schmerz war kurz und heftig, aber auch schnell wieder vorüber.
Zurück blieb die Angst. Er konnte nur noch sich selber riechen. Alle
anderen, eben noch so verlockenden Düfte waren verschwunden. Er öffnete
die Augen und sah, dass die Rattenfrau ihre Lage verändert hatte. Sie
war nicht mehr bereit, aber ihr Geruch schien ihm jetzt auch nicht mehr
dazu angetan, an Fortpflanzung zu denken. Sie roch nicht gut. Gar nicht
gut. Sie roch gemein und gefährlich. Sie roch wie ein Feind.
Er spürte seine Kräfte wachsen und stellte sich auf. Mit schnellen
Schritten durchquerte er den Käfig. Der weiche Körper der Rattenfrau
zitterte, als er seine kleinen spitzen Zähne in ihr Fell schlug. Warmes
Blut lief in seinen Mund und entzündete ein Feuerwerk von
Glücksgefühlen in seinem Kopf. Als er schließlich von ihr abließ und in
seine Ecke zurückkroch, war von ihr nicht mehr übrig als ein paar
zerbrochene Knochen und ein Stückchen rotes Fell.
Erster Versuch
Die Sonne brannte heiß auf die Gräber nieder, zerstörte die letzten
lebenden Zellen in den ehemals bunten Blumenarrangements und sog die
Farbe aus roten und goldenen Schleifen, die von Mutti, von Bertha und
Walter oder von den lieben Nachbarn abgelegt worden waren.
Nur um ein Grab drapierten sich noch frische Sträuße und Kränze und
boten den sonnenmüden Augen der umstehenden Trauergäste kleine
Fluchtpunkte.
„Mit Eberhard Kreiler verlieren wir ein wichtiges Mitglied unserer
Gemeinde, ebenso als Arzt wie als Mensch“, intonierte Pastor Hiller,
ein kleiner, rundlicher Mann, der unter seiner Soutane fürchterlich
schwitzte und sich nach seinem weißen Strohhut sehnte, und hob an, die
Vorzüge des Verstorbenen zu preisen. Dabei ließ er seinen Blick über
die Trauergemeinde schweifen, die fast unüberschaubar den kleinen
Friedhof füllte. Nahezu jeder Einwohner von Kreuzberg schien Eberhard
Kreiler die letzte Ehre erweisen zu wollen. Wenn sie nur auch alle in
die Kirche kämen, dachte Hiller resigniert, während er aus dem Leben
und Wirken des Verstorbenen berichtete.
Auch Lüdi Partsch registrierte die Anwesenheit fast sämtlicher
Kreuzberger Bürger, und sein Polizistenherz schlug ein wenig schneller
bei dem Gedanken, dass etwaige Einbrecher und Diebe jetzt leichtes
Spiel hätten. Kurz dachte er daran, seine Kollegen auf der Adenauer
Wache anzurufen und zur Vorsicht einen Streifenwagen durch den Ort
fahren zu lassen. Aber bis die Kollegen die zwanzig Kilometer von
Adenau bis Kreuzberg hinter sich gebracht hätten, würde die Beerdigung
ohnehin vorüber sein.
Lüdi konzentrierte sich wieder auf die Ansprache des Pastors, der
gerade dabei war, den Hinterbliebenen mit warmen Worten Trost zu
spenden.
„Wir alle haben einen wertvollen Menschen verloren. Für dich, Richard,
war es der geliebte Vater. Für dich, Therese, ein fairer Arbeitgeber
und ein guter Freund.“ Bei diesen Worten wendete Pastor Hiller sich
einem ungleichen Paar zu, das Außenstehende wahrscheinlich für Mutter
und Sohn gehalten hätten.
Therese Stein stand trotz ihres hohen Alters aufrecht vor dem Sarg.
Ihre schmalen Schultern hielt sie straff und gerade, und ihre kleinen
Vogelaugen fixierten den Pastor ununterbrochen. Einen Arm hatte sie um
die Schulter eines Mannes gelegt, der mit seinen gut sechzig Jahren ihr
Sohn hätte sein können. Sein Kopf lag an ihrer Brust. Unter seinen
geschlossenen Augenlidern quollen Tränen hervor, und hin und wieder
wurde sein mächtiger Brustkorb von einem Schluchzen geschüttelt.
„Viele von uns verlieren einen guten Freund“, fuhr der Pastor fort,
„und die meisten hier einen hervorragenden Arzt, der sie ihr ganzes
Leben lang begleitet hat. Aber lasst euch nicht von der Trauer
niederdrücken. Eberhard Kreiler hat sein Leben gut gelebt und erfüllt.
Seine Zeit ist nun gekommen, da er heimkehrt zu unserem Herrn in den
ewigen Frieden.“ Mit singendem Tonfall begann er ein Gebet, in das die
Gemeinde einstimmte. Sein Blick glitt über die Häupter seiner Schäfchen
hinweg. Tatsächlich war fast das ganze Dorf da. Aber nur fast. Die
Familie von Streitfeld, die sonst bei keiner kirchlichen Veranstaltung
fehlte und sogar führende Mitglieder der Kirchengemeinde stellte, war
nicht vertreten. Den genauen Grund für die Feindschaft zwischen Kreiler
und den Streitfelds kannte er zwar nicht, dazu war er noch nicht lange
genug der Gemeindepfarrer, aber er hatte gehört, dass die Fehde noch
aus Kriegszeiten herrührte.
Therese schloss die Augen. Keine Träne lief über ihre Wangen, aber ihre
Unterlippe bebte, und sie drückte Richards zitternden Oberkörper so
fest an sich, dass er für einen Moment sein Schluchzen für ein
überraschtes „Au!“ unterbrechen musste.
Hiller betrachtete Therese, während er das Gebet routiniert
salbungsvoll ausklingen ließ. Was für eine seltsame Person! So lange er
sie nun schon kannte, war es ihm doch unmöglich, sie einzuschätzen.
Abweisend, griesgrämig, aber auch aufrecht und immer mit der Sorge um
Richard erfüllt, war sie eine der widersprüchlichsten Frauen, die ihm
je begegnet waren. Obwohl sie jeden Samstag an der Abendmesse in der
kleinen Kapelle teilnahm, hatte er sie nie wirklich kennen gelernt, und
niemals hatte sie den dunklen Vorhang am Beichtstuhl zurückgeschoben,
um sich ihm und Gott anzuvertrauen.
Hiller beendete das Gebet mit einem Segen für die Trauergemeinde und
trat zu Therese und Richard, um ihnen sein Beileid auszudrücken.
Lüdi Partsch war einer der Ersten, die den Friedhof nach der
Trauerfeier verließen. Auch er hatte Kreiler sein ganzes Leben lang
gekannt und manche Stunde in seiner Praxis zugebracht. Trotzdem würde
er auf den üblichen Leichenschmaus verzichten und statt dessen einen
Rundgang durch Kreuzberg unternehmen und nach dem Rechten sehen.
Therese schüttelte viele Hände und ließ unzählige gemurmelte
Beileidsbekundungen an ihrem Ohr vorüberziehen. Ihre Gedanken aber
verharrten nicht auf diesem Friedhof, sondern tasteten sich in eine
ungewisse Zukunft vor. Letztendlich war ihr nichts geblieben; nach
Kreilers Tod nicht einmal mehr die vage Hoffnung. Sie zwang ihre
Gedanken in die Gegenwart zurück. Wenn doch auch ihre Familie hier auf
diesem Friedhof begraben läge. Das wäre wenigstens... besser als nichts.
Richard ignorierte die Schlange der Kondolierenden und hielt sein
tränennasses Gesicht fest an Thereses Brust gedrückt. Mit kindlicher
Hemmungslosigkeit gab er sich seinen augenblicklichen Gefühlen hin,
Gefühlen, an die er sich in wenigen Stunden wahrscheinlich nicht einmal
mehr erinnern würde. Einige der Vorübergehenden streichelten mitleidig
über seinen kahl werdenden Kopf.
Endlich war alles vorüber, und Therese schob Richard langsam zum
kleinen Friedhofstor. Da nahm sie eine Bewegung bei den Büschen an der
linken Seite des Friedhofs wahr und sah hinüber. Im Schatten einer
großen, dunkelgrünen Konifere stand ein Mensch und beobachtete sie.
Therese hatte nicht direkt den Eindruck, diese Person wolle sich
verstecken, aber ebenso wenig schien sie aus den Schatten heraustreten
zu wollen. Aus der Entfernung konnte Therese die Gestalt nicht genau
erkennen. Sie sah langes goldblondes Haar und eine schlanke Figur.
Irgendetwas an diesem Menschen kam ihr bekannt vor, aber es stellte
sich keine Erinnerung ein. Therese fixierte sie einige Sekunden, dann
schritt sie weiter in Richtung Ausgang, entschlossen, den
bevorstehenden Leichenschmaus mit unerschütterlicher Ruhe zu überstehen.
Pastor Hiller verließ die Kühle der Leichenhalle und trat im Schutz
seines geliebten Strohhutes in die sengende Hitze hinaus. Der Friedhof
hatte sich fast geleert. Die letzten, schwarzbekleideten Rücken ließen
gerade das quietschende Eisentor hinter sich.
Im Schatten der Koniferen rechts und links des Eingangstores entdeckte
Hiller ein Schimmern, fast ein Leuchten. Mit zusammengekniffenen Augen
spähte er unter der Krempe seines Hutes in die düstere Ecke des
Friedhofs. Dort war ein Licht, ein heller Schein, den er sich nicht
erklären konnte. Rasch verschloss er die Tür der Leichenhalle und lief
mit schnellen kleinen Schritten dem Leuchten entgegen. Je näher er kam,
desto stärker wurde es, und endlich meinte er sogar, einen menschlichen
Umriss darin erkennen zu können. Doch als er nur noch wenige Meter
entfernt schwer atmend stehen blieb, zersprang die leuchtende Kontur
wie eine Seifenblase, und zurück blieb nichts als eine düstere
Konifere, nicht anders als jede andere auf jedem anderen Friedhof.
Das Kind
Kurzgeschichte
von Erika Kroell
Ich gehe jetzt nach Hause. Sicher wartet Mami schon mit dem Kakao auf
uns. Ich weiß gar nicht, wie spät es ist, aber bestimmt wartet sie
schon. Das Eis ist ganz schön fest. Nicht der kleinste Riß ist zu
sehen. Hier, wo ich stehe. Da vorne ist ein Loch. Gar nicht mal so
groß.
Die Mieze würde wohl 'reinpassen. Wenn sie noch da wäre. Und ein Kind, ein kleines.
Aber ich passe schon auf. Ich geh da nicht hin. Ich bleibe hier stehen,
wo das Eis ganz dick ist. Bestimmt so dick wie das Märchenbuch, das
Mami mir geschenkt hat, als ich noch ganz klein war. Zwei Jahre. Oder
drei.
Damals waren Mami und ich allein. Da war ich so klein, daß ich in das Loch gepaßt hätte.
Daraus hat sie mir immer vorgelesen, abends, wenn ich ins Bett mußte.
Dann saß Mami an meinem Bett, und die Scheiben in meinem Zimmer waren
zugefroren, denn es war ziemlich kalt. Aber Mami zog sich die braune
Strickjacke an und deckte mich bis obenhin zu. Das war gemütlich und
richtig schön. Nur Mami und ich. Als wenn wir ganz allein auf der Welt
wären.
Am liebsten hatte ich immer das Märchen vom Dornröschen.
Vielleicht erzählt mir Mami ja heute abend das Märchen nochmal. Das
Buch ist noch da, im Regal über meinem Bett. Es ist nicht mehr so schön
wie, als es neu war. Ich hab drin gemalt. Und auch mal eine Seite
rausgerissen. Aber die Geschichte vom Dornröschen ist noch ganz in
Ordnung.
Andi wollte dem Dornröschen mal einen Schnurrbart malen. Da hab ich ihm eine geklebt.
Mami hat mir schon lange nicht mehr vorgelesen. Sie hat keine Zeit mehr. Weil sie sich auch um Andi kümmern muß.
Später, sagt sie, später hat sie wieder Zeit für mich. Ich weiß nicht,
wann später ist. Arme Mami, immer soviel zu tun. Na, das wird ja jetzt
besser.
Ist schon besser geworden, seit Mieze nicht mehr da ist. Um die mußte
sich Mami ja auch immer kümmern. Eines Tages war sie weg. Abends, sagte
Mami, hab ich sie noch gesehen, morgens war sie dann weg. Zuerst waren
wir alle ein bißchen traurig. War eine schöne Mieze, so mit rostbraunen
Streifen überall. Aber Mami hat uns getröstet und gesagt, jetzt hat sie
mehr Zeit für uns, weil sie sich nicht mehr um die Mieze kümmern muß.
Das fanden wir dann gut.
Also, ich geh dann jetzt mal. Ich muß mir noch genau ausdenken, was ich
Mami sage. Damit sie keinen Schreck kriegt und wieder nervös wird. Sie
ist in letzter Zeit oft nervös. Ich mag das gar nicht. Andi schon. Der
macht Mami extra nervös, glaub ich.
Ein bißchen erschrecken wird sie sich natürlich doch. Schließlich hat
sie sich ja an Andi gewöhnt. Aber bestimmt ist sie auch froh, daß sie
jetzt wieder mehr Zeit für mich hat. Sie hätte gern mehr Zeit für mich.
Das hat sie erst gestern gesagt.
Andi quengelt auch immer so viel. Das geht Mami auf die Nerven. Das
weiß ich, auch wenn sie es nicht sagt. Ich gehe ihr nicht auf die
Nerven. Ich bin ja auch schon groß. Ich bin schon sieben.
Andi ist ja noch nicht mal vier. Mami kennt mich schon viel länger als
Andi. Deshalb wird sie ihn sicher nicht so vermissen, weil sie sich
jetzt wieder mehr um mich kümmern kann. Und wenn doch, dann werde ich
sie trösten und in den Arm nehmen, wie ein richtiger Mann. Benimm dich
wie ein richtiger Mann, hat Mami auch letztens zu mir gesagt. Jetzt
werd ich ihr zeigen, daß ich wirklich schon groß bin.
Bestimmt ist sie nachher richtig froh, daß wir wieder allein sind. Dann
können wir wieder mal einen ganzen Nachmittag lang basteln, ohne daß
Andi uns dauernd stört. Ich hab noch einen Bastelbogen für eine Burg in
meinem Versteck. Den werd` ich am besten direkt mitnehmen. Dann sieht
sie schon ein, daß es ohne Andi besser ist. Ich werde Andis Kakao
mittrinken, damit sie ihn nicht umsonst gekocht hat. Und dann werd` ich
mich auf ihren Schoß setzen und sie über das ganze Gesicht küssen. Das
hat sie gern. Und sie wird mich hochwerfen und wieder auffangen und
lachen und sagen: Wie schön, daß du nach Hause gekommen bist.
Ja, das sagt sie. Ich hab Mami furchtbar lieb. Sie muß nur soviel
arbeiten. Deshalb ist sie manchmal ein bißchen nervös. Und dann
schimpft sie mit mir. Mit Andi nicht, der ist ja noch so klein. Ich bin
schon vernünftig, sagt Mami. Deshalb kann sie mit mir schimpfen und mit
Andi nicht. Ich versteh` das eigentlich nicht richtig.
Aber jetzt wird sie ja nicht mehr nervös werden. Andi macht ihr jetzt keine Arbeit mehr, und ich bin ein ruhiges Kind.
Das hat Mami letzte Woche zu ihrer Freundin gesagt. Ein ruhiges Kind macht Mami nicht nervös.
Es ist ganz schön kalt geworden. Andi sieht auch aus, als ob ihm ganz
schön kalt wär`. Er hat einen Handschuh verloren. Der ist bestimmt
untergegangen. Aber seine Jacke hat er noch an. Die ist ja zugeknöpft.
Hab ich ihm zugeknöpft, als wir gegangen sind. Deshalb kann er die gar
nicht verlieren. Vielleicht hat er sich auch schon daran gewöhnt, daß
es so kalt ist.
Als wir hierher gekommen sind, heute nachmittag, da war das Loch auch
schon im Eis. Das Eis war ganz fest und durchsichtig, und der ganze
Teich war damit vollgefroren, nur dahinten, da war eben dieses Loch.
Vielleicht hat da einer versucht, zu angeln. Dafür machen die sich dann
so Löcher.
Wir sind ein bißchen über das Eis gegangen, aber nur am Rand, wo nichts
passieren kann. Das hab ich Mami versprochen, weil sie sich immer
Sorgen macht, daß was passiert. Ich will nicht, daß sie sich Sorgen
machen muß. Ich hab Andi an die Hand genommen, weil er noch so klein
ist und auf dem glatten Eis sonst hinfällt, und weil ich`s Mami
versprochen hab. Mann, sind wir toll gerutscht! Eine richtige
Schlitterbahn haben wir uns gerutscht. Da hab ich ihn natürlich
losgelassen, sonst hätte ich ja nicht rutschen können. Und er auch
nicht.
Als ich gerade wieder gerutscht bin, ist Andi auf den Teich
rausgegangen. Dahin, wo das Loch ist. Er rutschte aus und flutschte
direkt in das Loch rein. Ich wollte noch rufen, aber er war schon
reingefallen. Hätte gar nicht gedacht, daß es so groß ist.
Zuerst war ich ganz erschrocken, als Andi nur noch mit dem Kopf aus dem
Wasser guckte und ganz laut schrie. Ich bin ganz vorsichtig auf ihn
zugegangen. Aber dann fiel mir ein, wie nervös Mami gewesen war, als
wir gingen. Wenn Andi klatschnass nach Hause kommt, wird sie noch
nervöser, hab ich gedacht. Und daß sie mit mir schimpfen wird, weil ich
ja schon vernünftig bin und Andi noch nicht, hab ich gedacht. Und daß
Andi sich fürchterlich erkältet auf dem Nachhauseweg und dann drei Tage
lang nur rumquengelt. Ich bin dann wieder zurückgegangen und hab erst
noch ein paarmal gerutscht. Andi hat mich ganz erstaunt angeguckt,
bevor er untergegangen ist. In das kalte Wasser. Brrr!
Geschrien hat er nicht mehr.
Dabei hat er wohl einen Handschuh verloren, denn jetzt hat er nur noch
einen an. Die andere Hand ist ganz blass ohne Handschuh. Dadurch sieht
man noch besser die Blume, die ich ihm mit Filzstift draufgemalt hab.
Sieht ganz gut aus. Leuchtet irgendwie.
Andi ist jetzt nicht mehr in dem Loch drin, wo er reingefallen ist. Er
ist unter dem Eis ein bißchen weitergeschwommen. Auf mich zu.
Vielleicht gefällts ihm ja, im Winter schwimmen zu gehen. Er ist nur
noch ein kleines Stück von mir entfernt. Aber ich stehe auf dem Eis,
und er schwimmt darunter. Sein Gesicht hat er an das Eis gepreßt wie an
die Fensterscheibe in der Küche, wenn er rausgucken will. Mami schimpft
dann, weil die Scheibe ganz schmierig ist. Dann muß sie sie immer neu
saubermachen.
Er sollte sein Gesicht lieber nicht so gegen das Eis pressen. Ich
stelle meinen Fuß drauf, dann geht er sicher etwas mehr unter.
Er schaut mich immer noch ganz erstaunt an, und sein Mund ist offen. Ob
er da nicht Wasser schlucken muß? Na ja, vielleicht hat er Durst. Und
den Kakao kann er ja jetzt nicht mehr trinken.
Er kommt noch näher geschwommen. Seine Mütze treibt weg. Die Haare
schwimmen jetzt wie ein Fächer um seinen Kopf herum. Die Hand ohne
Handschuh ist schon fast unter meinen Füßen. Vielleicht will er sich an
mir festhalten und aus dem Wasser ziehen. Der dumme Kerl, da ist doch
das Eis dazwischen. Nein, jetzt muß er wohl da unten bleiben.
Also, ich geh dann mal nach Hause. Damit der Kakao nicht kalt wird. Und
Mami überraschen. Vorher geh ich noch schnell zu meinem Versteck und
hole den Bastelbogen. Und die Mieze. Die werd ich zu Andi in das Loch
stecken. Die ist sowieso schon ganz kalt.
Hoffentlich sagt Mami nicht, ich hätte besser aufpassen müssen. Ich
konnte ja nichts dafür. Ich bin ja nicht auf den Teich gegangen.
Jedenfalls nicht zu weit.
Copyright by Erika Kroell, Stand: 12. Januar 200 |