Auf der „An Bradan“,dem kleinsten der bei Valleyboats in Graiguenamanagh verfügbaren Mietboote, mit einer Länge von 13,4 Metern und einer Breite von 2,15 Metern, können bis zu vier Personen unterkommen, denen ein Doppelbett, zwei Einzelkojen (inkl. Bettwäsche), eine Toilette, eine Dusche und eine voll ausgestattete Küche zur Verfügung stehen. Dazu kommt noch ein mobile-phone, zu Neudeutsch Handy, für innerirische Gespräche und internationalen Empfang, aber darüber sprechen wir später noch! Die größeren Boote für bis zu 8 Personen sind breiter (2,60 Meter) und entsprechend schwieriger in den Schleusen zu handhaben. Die Boote sind flach, liegen nur 60 cm tief im Wasser, doch wirkt der Blick nach draußen, als stünde man selbst zwar trocken, aber mindestens hüfttief im Wasser. Es wundert dann auch nicht, wenn mal Enten oder eine Gans zum Küchenfenster reinschauen, in der Hoffnung, etwas Essbares könnte da herauskommen.
Der River Barrow ist nicht mehr die unberührte Natur, wie es uns manche Werbung zu vermitteln versucht, seit mehr als 200 Jahren wurde diese Landschaft vom Menschen und seinen Bedürfnissen, diesen Fluss als Handelsweg zu nutzen, geprägt. Lange Jahre, nachdem die letzten kommerziellen Barken den Warentransport Anfang der Sechziger Jahre auf der Barrow Navigation eingestellt hatten, waren die Einrichtungen vernachlässigt worden. Erst seit einigen Jahren, angeregt durch Privatinitiativen, wird die Navigation (unter der Leitung des staatlichen Office of Public Works) wieder hergerichtet, um die Möglichkeiten für den Bootstourismus und andere Freizeitaktivitäten zu verbessern.

In Goresbridge kamen wir Sonntagabend so um 8 Uhr an, das Dorf wirkte ausgestorben, dochmenschliche Stimmen waren aus den nicht wenigen Kneipen zu vernehmen, einige jüngere Leute warteten vorm take-away-Restaurant darauf, dass ihr Abendessen fertig würde. Auch für uns gab es dort fish-and-chips, selbst gefangenen Fisch gab es leider nicht, dafür hatten wir wohl nicht die richtige Stelle für unsere mittägliche Rast gewählt und sicherlich hatte das erste freiwillige Bad mit Geplansche und Juhu die Fische vertrieben. So ganz ohne Juhu bin ich heute vormittag bereits einmal in den Fluss gestiegen: kurz nachdem Arnie uns durch die erste Doppel-Schleuse gebracht hatte und wir frohgemut meinten, von jetzt an schaffen wir das schon alleine, sahen wir hinter einer Biegung über dem Schilf einen Teil der nächsten Schleuse, waren uns aber nicht im Klaren, ob wir rechts oder links am Schilf vorbei fahren sollten. Links war falsch, wir hatten es noch nicht verinnerlicht: flussaufwärts immer am rechten Ufer halten, immer dort, wo der Treidelpfad ist. Prompt waren wir auf Grund gelaufen, eine Sandbank hielt uns fest, allein mit Maschinenkraft kamen wir nicht los, also musste ich ins Wasser. Obwohl weit und breit niemand zu sehen war, (in Irland badet man nicht nackt!) bestand Biggi darauf, dass ich erst die Badehose anzog, bevor ins Wasser stieg und mit einer langen Stange solange im Sand herumstocherte, bis das Boot wieder frei schwamm. Zum Glück war vor der Schleuse dann eine gute und einfache Stelle zum Anlegen, erstmal verschnaufen und in Ruhe einen Kaffee trinken auf den Schreck.
Bei den nächsten Locks hatten wir zumindest teilweise Hilfe, die beiden letzten Locks für diesen Tagmeisterten wir dann allein gemeinsam. Das Wasser ist recht klar, die braune Färbung kommt aus den durchflossenen Mooren, bzw. mit den aus den Mooren kommenden Zubringern. Die üppige Ufervegetation wird gefördert durch die reichliche Düngung der angrenzenden landwirtschaftlichen Flächen, weitere Nährstoffe werden durch Kühe, Pferde und den Menschen in den Fluss gebracht, auch der Bootstourismus verlässt sich noch auf die biologische Selbstreinigungskraft des Gewässers.
Reiher, Schwäne, Enten die Menge, Teichhühner und Eisvögel begegnen uns, Kühe, Schafe und Pferde schauen uns neugierig an, während wir mit etwas mehr als Wandergeschwindigkeit den Fluss hinauf und durch die Kanalabschnitte tuckern. Der zweite Reisetag brachte uns bis nach Bagenalstown, einen der früher wichtigen Warenumschlagsplätze. Vor der Stadt erwartete uns das Muine Bheag Lock mit einen Höhenunterschied von mehr als drei Metern.
Bei dieser Schleuse müssen immer beide Tore geschlossen sein, sodass man bei der Fahrt flussaufwärts immer erst mal die Tore öffnen muss, bevor man hineinfahren kann dazu muss erst die Schleusenkammer geleert werden, das geht, indem man die „racks“, die kleinen „Schiebefenster“ unten in den Toren mit Hilfe des „Lock Keys“ und der Zahnstangen hochkurbelt, eine nicht immer leichte Aufgabe, und keinesfalls kinderleicht.

So gegen 6 Uhr abends haben wir dann am idyllischen Teil des langen Quays festgemacht, unter den Bäumen der Grünanlage, gegenüber die Mühlenruine am rauschenden Wehr.Der zuständige lock-keeper (Schleusenwärter) kam auch noch vorbei, lange nachdem wir die Schleusung hinter uns hatten; er habe nicht gewusst, dass wir kommen, entschuldigte er sich, klar, wir hätten ihn vorher anrufen und auf ihn warten können, wer weiß, wie lange das gedauert hätte. Die lock-keeper sind meist nebenberuflich für fünf locks zuständig. Wenn man aber einem lock-keeper sagt, wie weit man z. B. heute noch zu fahren gedenkt, kommt der zum nächsten lock, bzw ruft den nächsten seiner Kollegen an und sagt Bescheid.
Bagenalstown
heißt offiziell Muine Bheag. Eine Volksabstimmung in den 1970er Jahren , die zur Rückkehr zum alten Namen führen sollte, erhielt nicht die erforderliche Zustimmung. Die Stadt istbenannt nach dem Gründer, Walter Bagenal, der sich im 18. Jahrhundert hier niederließ. Er beabsichtigte, hier eine architektonisch besonders gestaltete Stadt aufzubauen, ein irisches Versailles, aber nur wenige der geplanten Bauten kamen zur Ausführung. Die Stadt war früher ein bedeutender Warenumschlagplatz, insbesondere Vieh und Getreide aus der Umgebung wurde von hier nach Dublin verschifft.
Als wir abends dann ins Pub kamen, wusste man dort schon, wer wir waren: „You must be the people from the boat, aren’t you?“

Ein ausführlicher Einkauf am Dienstagmorgen bringt neue Vorräte aufs Boot und in den Kühlschrank, am öffentlichen Wasserhahn füllen wir auch unseren Wassertank auf. Im Angelladen erstand ich drei Wobbler, in der Hoffnung, damit mal einen Hecht zu fangen. Angeblich soll der Barrow ja voller Fische sein, gesehen habe ich bis jetzt noch keinen.Biggi und Fiona waren noch ziemlich müde von der Arbeit an den vielen Schleusen gestern. Gleich hinter dem nächsten Lock legten wir an und machten Pause, es ist schön und ruhig dort: Tea for the tiller-man and everybody!
Nachmittags machten wir einen Ausflug nach Leighlinbridge flussaufwärts. Wir gingen einmal die Hauptstrasse auf und ab, und in die Kneipe: das erste gemeinsame Pint auf dieser Reise. Das tat gut! Und natürlich musste man es auch hier schon: „You must be the people with the boat....!“ Die Fragen nach woher, wohin, oha, so weit her, naja, für mich wäre das ja Nichts. Nein, viel los ist hier nicht, auch nicht auf dem Fluss, es kommen nicht viele Touristen her, die meisten fahren nur durch.

Im Verlauf des Tages kamen insgesamt vier Boote den Fluss herauf, eine Bestätigung der Aussage gestern im Pub von Leighleinbridge, dass auch auf dem Fluss nicht viel los sei.Und am Mittwochabend lagen wir wieder am Quay von Bagenalstown.
Die nach Westen gerichteten Touristenströme an Land ziehen durch diese Orte hindurch, nur ganz selten bleiben sie länger als einen Tag, und Bootstouristen sind auf dem River Barrow, im Gegensatz zum Shannon-Gebiet,noch wenige unterwegs. Wir haben bisher jeweils ein Boot der Barrowline Cruisers in Carlow (weiter flussaufwärts) bzw der Celitc Canal Cruisers in Tullamore (am Grand Canal) gesehen.
Umgebaute oder nachgebaute Lastbarken unterschiedlicher Größe werden dem Anschein nach auch als „Dauerwohnsitz“ benutzt. Am Donnerstag ging es dann weiter flussabwärts.
„Unterhalb von Ballytiglea Lock dicht am Ostufer halten wegen der Felsen in der Mitte des Fahrwassers. Und: weg vom Treidelpfad beim Felsen unter der Boje!“ warnte uns das Handbuch.
Einen Felsen zu rammen, das hätte uns am vorletzten Tag gerade noch gefehlt, die Sandbank von Sonntag ist noch in guter Erinnerung. Also fein aufgepasst, wo sind die verdächtigen Wasserwirbel, wo ist die Boje? Ein leises Knirschen und die Schräglage zeigten uns an: wir hatten den Felsen im Fahrwasser gefunden, auch ohne die Boje. Mit der Strömung waren wir zu schnell, zu weit sind wir aufgelaufen, um uns mit eigener Kraft wieder frei fahren zu können. Wir müssen Hilfe holen, zum Glück ist ja ein Telefon (Handy) an Bord, also kein Problem, Arnie anzurufen. Das Handy funktionierte nicht, ein freundliche Automatenstimme forderte uns auf, erstmal die Kreditkarte aufzuladen oder eine neue einzulegen. Wieso denn das, als wir losfuhren, war noch ein Guthaben von 20 £ drauf. Hat Fiona etwa beim Spielen ... ? aber doch nicht soviel Geld!? Mist!! Zum Glück ging ein älteres Ehepaar am Ufer spazieren, Biggi winkte es heran, erklärte die Lage und bat sie, im Lock-Keeper-Haus, das in Sichtweite steht, zum Glück nicht verfallen, sondern sogar bewohnt war, Arnie anzurufen und um Hilfe zu bitten. Sie taten das, kamen zurück, uns zu sagten, Arnie käme in einer Stunde, aber: bedenkt, es ist eine irische Stunde,macht euch erstmal einen Tee, ihr habt wohl alles dafür dabei. Aber in diesem Sinne unirisch tauchte Arnie nach einer Stunde tatsächlich auf, kam per Schlauchboot an Bord, startete den Motor wieder: wir sollten uns alle drei steuerbords so weit als möglich über Bord lehnen, Rückwärtsgang eingelegt und: hast du nicht gesehen, war das Boot wieder frei.Es war genau der Felsen, vor dem das Handbuch uns gewarnt hat, nur dass halt die Boje fehlte.
Im Wald von Borris legten wir wieder an. Ins Dorf zu gehen, eine der empfohlenen Kneipen aufzusuchen, war es zu spät geworden. Es wurde heute auch nicht mehr gebadet, auch keiner der reichlich vorhandenen Fische mehr gefangen.
Am Freitagsind wir noch nach St. Mullins hinuntergefahren. Dort am letzten Lock, am „turning point“, ist Schluss für die Mietbootfahrer, unterhalb liegt der Fluss im Tiedenbereich und daher nicht mehr für diese Boote erlaubt.
Die River Barrow Navigation mit ihren Wehren, Schleusen und dem Treidelpfad wurde in den Jahren 1760-90 eingerichtet, Verbesserungen wurden um 1812 und danach in unregelmäßigen Abständen durchgeführt, wobei es immer wieder darum ging, die starke Wasserströmung im Winter zu mindern, und im Sommer für einen ausreichenden Wasserstand zu sorgen. Vorher wurde der Barrow schon mit kleineren Booten mit einer Tragfähigkeit von bis zu vier Tonnen, den sogenannten „clarachawns“ befahren, die von Menschen oder Pferden gezogen wurden.
Die befahrbare Strecke von St. Mullins im Süden bis Athy, wo die River Navigation in den Verbindungskanal zum Grand Canal übergeht, ist 41 ½ Meilen lang, unterbrochen von 23 Schleusen, davon eine Doppelkammerschleuse.
Die Verbindung zum Grand Canal, der von Dublin zum Shannon führt, wurde von 1783 - 91 gebaut, sie ist 28,5 Meilen lang und hat 9 Schleusen, davon 2 Doppelkammer-schleusen. Die Hauptumschlagplätze waren Graiguenamanagh, Bagenalstown, Carlow und Athy. Der kommerzielle Verkehr, der mit dem Aufkommen der Eisenbahn stetig zurückging, und auch um die Jahrhundertwende durch den Einsatz motorengetrieber Barken nicht mehr zu seiner früheren Stärke belebt werden konnte, wurde 1959 endgültig eingestellt.
Für den Passagierdienst wurden spezielle Boote gebaut, die über 35 Personen in zwei Abteilen (1. und 2. Klasse) befördern konnten. An den in Längsrichtung aufgestellten Tische wurden Mahlzeiten serviert. Gezogen wurden diese Boote in der Regel von zwei Pferden, die an der Strecke häufig gewechselt wurden, sodass Reisegeschwindigkeiten von bis zu 10 Meilen pro Stunde erreicht werden konnten.
Der Personentransport auf dem Barrow, für dessen Bedürfnisse sogar in Graiguenamanagh und in Carlow je ein Hotel gebaut wurde, erreichte nie den erhofften Umfang und nie die Bedeutung, die etwa der Passagierverkehr auf dem Grand Canal zwischen Dublin und dem Shannon, nach Athlone bzw. Limerick, hatte. Er wurde bereits 1809 wieder eingestellt.
Zurück in Graiguenamanagh schien die Sonne noch immer, es war warm und angenehm, im Klappstuhl an Deck sitzend tranken wir den letzten Whiskey und waren müde, zufrieden, glücklich. Das Land hat uns in dieser Woche mit dem Wetter verwöhnt, jeden Tag Sonnenschein, eine leichte Briese, etwas Fahrtwind und keinen Tropfen Regen. Für das Land, die Jahreszeit, die Iren: very unusual! Insgesamt haben wir den Fluss von St. Mullins Lock bis Leighleinbridge befahren, das waren zwar nur etwa 30 km, dafür aber sehr schön und ruhig, erholsam, abgesehen von der Arbeit an den 14 Schleusen, die einen Höhenunterschied von 26,40 Metern bewältigt haben.(R.S.-S.)
|