Tod eines Luders
Kurzinhalt:
Die beliebte Quoten-Queen Mona Wenzel steckt in der Krise: ihre
Karriere geht bergab, ihre Kosmetik-Serie floppt, ihr Sohn streift als
Trümmertranse durchs Nachtleben und ihr Gatte betrügt sie mit einem
üppigen blonden Luder. Auch Felix hat schon rosigere Zeiten erlebt,
denn er hat seinen Job geschmissen und ist pleite. Doch wozu hat man
Freunde? Nur allzu gern nimmt er deshalb den Job an, den ihn Münchens
führende PR-Lady anbietet: Felix soll sich um das Luder kümmern, das
sich an den Gatten des TV-Stars Mona Wenzel herangemacht hat. Was
einfach klingt, entpuppt sich schnell als mittlerer Horrortrip, denn
ein Luder scheint plötzlich Mona Wenzels geringstes Problem zu sein:
ihre Haushälterin wird rücklings mit einem Brieföffner gemeuchelt.
Felix sieht sich geradezu genötigt, gemeinsam mit Katja und Erzengel
auf eigene Faust zu ermitteln. Gar nicht so einfach, wenn man eine
üppige Blondine an der Backe hat und einem ständig der liebestolle
TV-Star-Sohn zwischen die Beine kommt. Und für Felix ist spätestens
dann Schluss mit lustig, als er brutal entführt wird ...
»Tod eines Luders« Das 4. Felix-Abenteuer, Kriminalroman von Martin Arz, Bruno Gmünder Verlag, Berlin, 2004, ISBN 3-86187-594-2
Leseprobe:
Aus: Tod eines Luders...
»Herr von Schwind«, sagte die Kazmarek ohne mich anzusehen, »Sie sollen
uns unterstützen, Frau Wenzel aus den Negativschlagzeilen zu halten.
Wir haben, bevor Sie eingetroffen sind, bereits mit Ihrem Vater, Herrn
Gebrecht und Frau Klein alles besprochen. Ich werde Ihnen gerne ein
Gesprächsprotokoll zukommen lassen, wenn Sie wollen. Alles, was Frau
Wenzel nutzt, werden wir unternehmen. Mag die Öffentlichkeit rätseln,
was nun an der Sache zwischen Herrn Gebrecht und seinem Luder dran ist,
wichtig ist nur, dass es keine mediale Schlammschlacht gibt.«
»Luder?«, fragte Katja ungläubig. »Entschuldigen Sie bitte, aber die betreffende Dame ist anwesend!«
»Frau Klein«, fuhr die kalte Kazmarek emotionslos fort, »wird den Medien als Faschingsluder verkauft ...«
»Faschingsluder?!«, schrie Katja fassungslos und tippte sich an die Stirn.
»Ich war mal Faschingsprinzessin«, sagte Sandra Klein mit einem
entschuldigendem Lächeln. »Und bald ist Halloween. Da lag es nahe.«
»Die Bezeichnung ist ebenso vertraglich festgelegt wie ihre Rolle«, riss Penelope Kazmarek das Gespräch wieder an sich.
»Kann es sein, dass ich hier im falschen Film bin?«, fragte ich. »Ich
soll also mit einem Faschingsluder um die Häuser ziehen. Und wer bin
ich? Der Faschingsluder-Hengst? Das ist doch alles Lug und Trug!«
Penelope Kazmarek lachte blasiert. Auch Gudrun Nachtweih verzog den
Mund zu einem schiefen Grinsen, reckte den Giraffenhals und schüttelte
den Kopf. »Das, Herr von Schwind, lassen Sie mal ganz allein unsere
Sorge sein«, sagte die Kazmarek. »Im Übrigen wird Ihr Name und alles
weitere zu Ihrer Person nicht bekannt gegeben. Außer Sie legen Wert
darauf, was ich mir nicht vorstellen kann. Sie brauchen auch keine
Angst vor Paparazzi zu haben, denn ein Luder ist keine A-Prominenz.
Niemand berichtet über Luder, außer sie drängen sich in die
Öffentlichkeit. Wir arrangieren das. Das läuft so in der Luderlobby.
Die Medien interessieren sich in der Regel für nichts, auf das sie
nicht mit der Nase gestoßen werden. Machen wir uns nichts vor, die
Öffentlichkeit will belogen werden. Am liebsten belügt sie sich sogar
selbst. Nehmen Sie die Fälle Sedlmayr, Gildo oder Mercury. Jeder
Medienschaffende wusste, dass sie homosexuell waren, doch wurde nie
darüber berichtet. Und kaum waren sie tot, taten alle so, als seien sie
über die Enthüllungen zutiefst schockiert. Erzählen Sie mir nicht, das
sei neu für Sie. Sie haben doch auch jahrelang in der Werbebranche
gearbeitet. Da müssten Sie den freizügigen Umgang mit der Wahrheit
gewohnt sein, oder irre ich mich, Herr von Schwind?«
Sie sah mich mit ihren hellblauen Augen provozierend an. Ich verspürte
den dringenden Wunsch, ihren Kopf in eine Toilette zu tauchen. Eine
verstopfte Toilette. Dazu musste ich aber erst einmal die Örtlichkeit
finden und für die Verstopfung sorgen. So entschuldigte ich mich und
ging nach draußen.
Die Villa der Schauspielerin war im toskanischen Stil gebaut, der
Grundriss fast quadratisch. Vom Entree gelangte man direkt in den
großzügigen Salon, in das Speisezimmer, ein Arbeitszimmer sowie eine
Bibliothek, zudem führte eine breite Treppe in das obere Stockwerk. An
den Wänden hing großformatige moderne Kunst. Links und rechts neben der
Eingangstüre gab es je eine geschlossene Tür. Hinter der einen musste
sich die Küche, hinter der anderen die Gästetoilette verbergen. Ich
wollte eben die linke Tür ausprobieren, als von der Treppe ein
fiepsendes Geheul erklang und ein Schreckgespenst die Stufen hinab auf
mich zustürmte. Ich war für Sekundenbruchteile wie gelähmt, ebenso das
Gespenst, das sich bei näherem Hinsehen als grotesk geschminkte junge
Frau mit einem ausgesprochenen Faible für gruftig-nuttige Kleidung und
einer mörderischen Alkoholfahne entpuppte. Sie sah aus wie Yvonne
DeCarlo alias Lily Munster auf Speed. Ihr Maskara war verlaufen und
bildete schwarze Teiche unter ihren Augen, den schockroten Lippenstift
hatte sie sich quer über die Wangen verwischt. Nun erst, beim noch
genaueren Hinsehen, fiel mir auf, dass die Frau in Wahrheit eine
Trümmertranse war, die als Lily Munster verkleidet war und auf Pumps
mit Kamikazeabsätzen schwankend Halt suchte.
»Sie ist tot!« Der Typ hatte seine Stimme wieder gefunden und packte
mich am Kragen. »Laura. Tot, da oben!« Er deutete hinauf, packte mich
am Handgelenk und zerrte mich die Treppen hinauf bis unters Dach in den
zweiten Stock.
»Wer?«, fragte ich verduzt. »Wer ist tot?« und versuchte mit der Transe Schritt zu halten.
»Laura«, keuchte der Verkleidete und zog mich weiter. »Unsere Laura!«
Das Dachgeschoss war großzügig ausgebaut. Links führten zwei Türen zu
einer Art Appartement. Ich befreite mich vom Griff der Transe und
spähte in den einen Raum. Man sah die Leiche erst, wenn man um den
großen alten Tisch, der in der Mitte des Wohnzimmers stand, herum
gegangen war. Die Frau lag friedlich ausgestreckt auf dem Rücken, die
Augen geschlossen. Sie war mittleren Alters und das, was man ein
barockes Vollweib nannte. Sie trug einen dunkelblauen, samtenen
Morgenmantel, wo der Kragen etwas verrutscht war, sah man den
Spitzenträger eines BHs blitzen. Unterhalb ihrer Brust ruhte ihre
verkrampfte linke Hand. Wenn man sich bückte und genau hinsah, konnte
man erkennen, dass sie einen Brieföffner umkrallte, der in ihrem Körper
steckte. Ich berührte kurz ihre Wangen - kalt. Also doch kein
schlechter Halloween-Scherz. Vermutlich gab es noch mindestens einen
weiteren Einstich in ihrem Körper, aus dem das mittlerweile getrocknete
Blut auf den Parkettfußboden gelaufen war. Die tödlichen Wunden
zeigten, dass jemand gar nicht gut auf diese Laura zu sprechen gewesen
war.
»Laura Meitinger, unsere Haushälterin«, sagte der grell geschminkte Typ
ungefragt. »Mein Gott, Laura. Ich bin eben nach Hause gekommen.« Er
lehnte sich gegen den Türrahmen. Bis zur Hüfte war er tatsächlich eine
recht gute Kopie von Lily Munster: die lange, schwarze Perücke mit den
zwei weißen Strähnen, das hellgraue Oberteil mit den langen
Zipfelärmeln, und natürlich das Make-up. Doch untenherum hatte es nur
zu einem knappen Minirock gereicht. Dieser, kaum mehr als ein breiter
Gürtel, war so weit nach oben gerutscht, dass man seinen Slip durch die
Maschen der schwarzen Netzstrumpfhose blitzen sehen konnte. Er trug
weißen Feinripp mit Eingriff. Ich hatte lange genug hingestarrt, um das
zu bemerken. Er nahm meinen Blick wahr und berührte meinen Arm, dabei
hinterließ er einen roten Abdruck auf meinem Hemd. Seine Hand war
leicht blutverschmiert. »Hast du eine Zigarette?« Ich verneinte. »Na,
auch egal, ich habe noch welche.« Er begann umständlich in seiner
Handtasche zu wühlen, die eigentlich keine Handtasche, sondern eine
Ariel-Waschpulvertrommel mit Henkel war. Dabei schniefte er erbärmlich.
Ich reichte ihm ein Tempo. Er lehnte ab.
»Gleich vorbei«, sagte er lässig und zog geräuschvoll Rotz in die
Nebenhöhlen. »Die Nase fließt nur wegen der Temperaturumstellung von
Draußen nach Drinnen.«
»Alles klar. Und wer bist du?«, fragte ich. Er reagierte nicht. Seine
Perücke war ein wenig verrutscht und legte sein echtes Haar frei:
dunkelblonde kurze Stoppeln.
Erst nachdem er endlich aus den Tiefen seiner Waschmittelhandtasche ein
Päckchen Lucky Lights herausgekramt und sich eine Zigarette angezündet
hatte, antwortete er: »Wer ich bin? Gute Frage. Die bessere Frage
lautet allerdings, wer du bist.« Er zerrte ein wenig an dem Minirock
herum und gab dann auf. »Scheiß drauf«, sagte er dann. »Kannst ruhig
die Kronjuwelen sehen, wenn du willst.« Er schenkte mir einen koketten
Blick. Der Typ hatte vielleicht Nerven! Angesichts von Mordopfern
pflege ich nicht zu flirten, und mit Gruseltransen schon gleich gar
nicht - da habe ich so meine Prinzipien.
»Dir ist schon klar, dass du Blut an der rechten Hand hast?«, fragte
ich und zupfte demonstrativ an meinem verschmutzen Hemdsärmel.
»Na und?« Er sah mich müde mit schweren Lidern an. »Ich habe Laura
berührt. Weil sie so friedlich dalag. Dachte, sie hatte einen
Herzinfarkt oder so. Das Messer habe ich erst später bemerkt. Das Blut
an ihrem Morgenmantel war wohl noch nicht weggetrocknet.«
Die Tucke gab sich einen Ruck und stöckelte schwankend Richtung
Treppenabgang. »Na, ist auch egal, wer du bist, wenn du hier den
Geheimnisvollen spielen willst«, rief er über die Schulter. »Ich
glaube, ich sollte jetzt meine Eltern informieren, dass unsere Perle
tot ist.« Seine Kaltschnäuzigkeit irritierte mich, gleichwohl merkte
ich, dass sie gespielt war.
»In dem Aufzug?«, rief ich ihm hinterher.
Er blieb verwundert stehen. »Welcher Aufzug?«, fragte er mich. Dann sah
er an sich hinunter. »Ach so. Das macht nix.« Er winkte mit der linken
Hand ab, ein falscher Fingernagel löste sich und flog durch die Luft.
»Meine Alten wissen über mich Bescheid. Keine Sorge. Die schockt schon
lange nix mehr.«
.... Fortsetzung nur im Buchladen!
Das geschenkte Mädchen
Kurzinhalt:
Völlig ausgeblutet wird die Leiche eines Afrika-Experten an einem
tristen Wintertag aufgefunden. Allerfeinste Profiarbeit, wie
Kriminalrat Max Pfeffer von der Münchner Kripo feststellt.
Eine Holzfigur, ein toter Galerist und die schöne Helene – Max Pfeffer
ist nicht in seinem Element. Sein Kunstverständnis beschränkt sich auf
coolen Acid Jazz und mit Frauen hat er’s überhaupt nicht. Pfeffer wohnt
mit seinem Lebensgefährten in einem Münchner Einfamilienhaus und müht
sich mit der Erziehung zweier Söhne ab. Während sein Zwölfjähriger
gerade erst Britney Spears für sich entdeckt, ist Cosmo Frontman der
Hiphop-Band Volle Härte und dem Vater schon mit sechzehn über die Kopf
gewachsen – und er unterschlägt unwissentlich ein wichtiges Beweisstück
in Pfeffers neuem Fall.
Was hat Afrika mit dem Mord zu tun – die ehemals deutsche Kolonie
Kamerun, der Stamm der Ndjamele, die Legende von Akassi und Awali? Tod
nach Kolonialherrenart?
Pfeffer muss sich mit einer dunklen Epoche der deutschen Geschichte
auseinandersetzen, denn die Wurzeln des Verbrechens gehen zurück in die
Zeit, als über Kamerun die Flagge des Deutschen Kaiserreiches wehte.
Damals schenkte ein schwarzer Fürst einem deutschen Kolonialpionier
eine Sklavin ...
Martin Arz zeigt mit einem in den Krimiplot eingearbeiteten »Tagebuch«
eines deutschen Kaufmanns in Afrika eine Vielseitigkeit, die von der
Tatsache, dass er das Cover für sein Buch selbst entworfen hat, noch
bestätigt wird.
Sachkundig und mit leichter Hand führt er den Leser durch eine
ungewöhnliche Geschichte von Abenteuerlust und Habgier, Rache und
Wiedergutmachung. Ein Roman nicht nur für eingefleischte Krimileser.
»Das geschenkte Mädchen« Kriminalroman von Martin Arz, Leda Verlag, Leer, 2004, ISBN 3-93492-742
Leseprobe:
Aus: Das geschenkte Mädchen
»Ganz schöne Sauerei, was Chef?«, sagte Kommissar Paul Freudensprung zu
seinem Vorgesetzten, rieb sich die Augen und umrundete vorsichtig die
große Blutlache.
»Hmmm«, brummte Max Pfeffer und kratzte sich nachdenklich am Kinn. »Der arme Kerl ist offenbar langsam verblutet.«
»Pfeffer!«, mischte sich die schwergewichtige Gerichtsmedizinerin ein,
die neben der Leiche kniete und bei der Arbeit munter vor sich hin
rauchte. Pfeffer war sich fast sicher, dass die Spurensicherung den
Tatort eigentlich noch nicht zum Rauchen freigegeben hatte. Doch die
Pathologin rauchte immer überall, sobald die Spurensicherung erste
Anzeichen von Arbeitsende gab. »Willst du jetzt meinen Job machen? Wie
und woran er gestorben ist, werde ich dir schon rechtzeitig mitteilen.«
»Schon gut, Pettenkoferin. Was ist los, Paul?« Pfeffer wandte sich
wieder an Freudensprung. »Du siehst heut wieder aus, als hättest du
eine Megaparty hinter dir. Fasching?«
Freudensprung rieb sich erneut die verquollenen Augen. »Nix ist los,
Chef«, antwortete er übelgelaunt. »Hab nur schlecht geschlafen.«
»Schon wieder?«
»Schon wieder!«
»Wenn du irgendwelche Probleme hast ...«
»Jaja, schon gut.« Paul Freudensprung winkte ab und grunzte. »Alles bestens, hab eben momentan Schlafprobleme.«
Max Pfeffer zuckte mit den Schultern. »Gut, zurück zur Arbeit. Wo ist die Frau, die ihn gefunden hat? Die Putzfrau, richtig?«
»Sitzt nebenan und heult«, sagte Freudensprung. »Kein Wunder, bei dem
Anblick. Sie heißt Fetmeh Yilmaz, auch wenn sie dir gleich sagen wird,
dass du Aische zu ihr sagen kannst.«
Pfeffer umrundete die ausgeblutete Leiche und ging in das Nebenzimmer,
eine kleine Teeküche. Selbst hier standen auf den Hängeschränken und
den Ablagen afrikanische Plastiken unterschiedlicher Größe. Ein großer,
offener Karton versperrte fast den Weg. Darin kleine Nagelfetische en
masse, die auf Pfeffer richtig antik und wertvoll wirkten. Er hob einen
heraus und drehte ihn in den Händen. Vielleicht ein gutes
Geburtstagsgeschenk für den Kleinen, dachte Pfeffer, als er sich an der
Kiste vorbeiquetschte. Neben dem neuesten Tomb-Raider-Spiel natürlich,
das der sehnlichste Wunsch seines jüngeren Sohns war. Das virtuelle
Busenwunder Lara Croft ballernd und tittenschwingend auf dem
Computerbildschirm und ein unheimlicher Nagelfetisch auf dem
Nachtkästchen. Der Kleine würde vor Freude an die Decke hüpfen.
Mit der Figur in der Hand näherte sich Pfeffer vorsichtig der Frau, die
in der Ecke auf einem Stuhl zusammengekauert saß und einen Becher
Kaffee mit den Händen umkrallte.
»Frau ...«
»Yilmaz, Fetmeh«, unterbrach ihn die Frau mit schriller Stimme und sah
zu ihm hoch. Sie mochte Ende dreißig sein, vielleicht Pfeffers
Jahrgang, doch sie sah älter aus. Sie trug eine blaue Kittelschürze und
ein farblich mutiges Kopftuch. Ihre Augen waren gerötet, aber trocken.
Sie schluckte. »Sie können aber Aische zu mir sagen.« Ihr Deutsch war
fast perfekt.
»Danke, Frau Yilmaz, ich glaube nicht.« Pfeffer ging in die Hocke, um
mit der Sitzenden auf einer Augenhöhe zu sein. Psychologisch nie
verkehrt. Bei Augenkontakt auf einer Höhe lügt es sich schlechter. Das
mit dem in die Hocke gehen hatte er immer bei seinen beiden Söhnen
gemacht, als diese noch klein waren - lange her. »Frau Yilmaz, ich bin
Kriminalrat Max Pfeffer von der Münchner Mordkommission.« Er hielt ihr
pro forma seinen Ausweis unter die Nase. Gewohnheit. »Erzählen Sie mir
bitte alles, was Sie wissen. Wann und wie haben Sie den Toten ...«
»Doktor Westphal«, rief Fetmeh Yilmaz dazwischen.
»Wann und wie haben Sie Doktor Westphal gefunden. Lassen Sie bitte nichts aus.«
Sie ließ nichts aus. Pfeffer bereute beinahe, dass er sie dazu
aufgefordert hatte. Nun, sie habe einen Schlüssel, weil sie meistens
ganz früh zum putzen komme, bevor der Laden aufmache. Ab und zu auch
abends, nach Geschäftsschluss, gegen halb acht, denn Dr. Westphal würde
selten länger als sieben seine Galerie offen haben. Je nachdem, wie es
ihre anderen Putzstellen zuließen. So wie heute. Und da sei er gelegen
und alles voller Blut, so entsetzlich viel Blut. Wie sie das nur je
wieder alles wegkriegen solle! Nein, über das Geschäft und die Kunden
von Dr. Westphal wisse sie nichts, gar nichts. Ja, Dr. Westphal sei
nicht verheiratet gewesen. Keine Frau, keine Freundin, jedenfalls
keine, von der sie wisse.
»Wissen Sie, Herr Kriminalrat«, sagte die Putzfrau, »man soll nie etwas
Schlechtes über die Toten sagen und ich schäme mich auch dafür, aber
Dr. Westphal war kein sehr guter Mann. Verstehen Sie?« Pfeffer verstand
nicht. »Ein guter Mann hat eine Frau und eine Familie, für die er
sorgt. Für ihn gibt es die Frau und keine andere Frau.«
»Und Herr Westphal hatte also andere Frauen? Obwohl er nicht mal eine
hatte?« Pfeffer versuchte sich in die Argumentationslogik der Zugehfrau
hineinzuversetzen. Klar, der Tote war ein Schürzenjäger.
»Er hatte nur andere Frauen.« Fetmeh Yilmaz richtete sich gerade auf,
drückte das Kreuz durch und klemmte die Hände mit dem Becher zwischen
ihre Beine. Tratschposition. »Er hat sogar mir nachgestellt, aber ich
bin eine anständige Frau! Aber meine Vorgängerin, Aische, die hat hier
nicht mehr arbeiten wollen, weil er sie so sehr belästigt hat. Und
Aische ist sehr hübsch. Sie ist meine Nichte. Die Tochter meines
zweitältesten Bruders Mehmet und die Schwester von Levent Demir. Sie
wissen schon, der TV-Star.« Pfeffer wusste nicht, aber er nickte. »Da
habe ich die Stelle übernommen. Meine Familie ...«
»Ist Ihnen aufgefallen, ob was fehlt?«, unterbrach Pfeffer sie schnell,
bevor sie auch noch ihre Familienverhältnisse detailliert vor ihm
ausbreiten konnte. Sie hatte bestimmt eine große Familie mit Namen, die
sich Pfeffer nicht würde merken können, selbst wenn er es gewollt
hätte, weil sie mit Sicherheit nichts mit dem Fall zu tun hatten.
»Was fehlt?« Die Putzfrau starrte ihn verwundert an. »Oh, ich weiß,
dass die Sachen hier viel wert sind. Auch wenn ich nicht verstehen
kann, dass jemand für diese alten, hässlichen und schmutzigen Figuren
viel Geld ausgibt.« Pfeffer nickte zustimmend und unterdrückte ein
Lachen. »Ich habe Dr. Westphal ja immer angeboten die Sachen zu
waschen, ich hätte sie richtig sauber bekommen. Picobello, so sagt die
eine Frau immer, für die ich auch putze. Picobello sauber. Ich weiß
ehrlich gesagt gar nicht, was picobello bedeutet, aber ich hätte die
schmutzigen Figuren hier richtig picobello sauber gemacht. Doch Doktor
Westphal hat ständig ‚Unterstehen Sie sich' gerufen. Aische hat immer
gesagt ...«
»Danke, Frau Yilmaz, Sie haben mir sehr geholfen«, verabschiedete sich
Pfeffer hastig. »Wenn Ihnen vielleicht doch noch etwas einfällt, rufen
Sie mich bitte an.« Er überreichte ihr seine Visitenkarte und ließ sie
in seine rehbraunen Kuschelaugen fallen. Wenn es etwas an ihm gab, das
vor allem bei Frauen nie seine Wirkung verfehlte, dann waren es seine
dunklen, samtigen Augen. Und sein volles Haar, das, obwohl er die
Vierzig noch vor sich hatte, bereits vollständig ergraut war. Sein
Friseur versuchte seit Jahren, ihm eine »Auffrischung« der alten
Haarfarbe unterzujubeln. Angeblich ganz natürlich. Keine Tönung, nur
ein Mittel, das die Farbpigmente wieder reaktiviert. So wie es der
Kanzler macht. Doch Max Pfeffer stand zu seinem Grau, das im krassen
Kontrast zu seiner beinahe faltenlosen Haut stand. Der Kriminalrat war
etwas überdurchschnittlich groß und nicht unbedingt der
allerattraktivste, da machte er sich nichts vor. Manchmal, ziemlich
selten, litt er ein wenig darunter. Im Sommer konnte er vielleicht
einen gewissen Frauentyp mit knapper Kleidung beeindrucken, die seine
sehr athletische Figur und vor allem seinen wirklich präsentablen
Hintern betonte. Aber egal welches Wetter und wie dick die Kleidung -
der Kuscheleffekt seiner leicht silberblickenden, dunklen Augen wirkte
immer, und sei es nur, dass er sein Gegenüber verwirrte. Nur, dass
Pfeffer sich so rein gar nichts aus Frauen machte.
.... Fortsetzung nur im Buchladen!
Reine Nervensache
Kurzinhalt:
Ein irrer Axtmörder, der mit Leichenteilen im Gepäck nachts als Tramper
unterwegs ist, das ist nichts weiter als ein gruseliger urbaner Mythos
– dachten bislang jedenfalls Nathalie, Frank und Benni. Doch der
Anhalter, den sie in jener glutheißen Julinacht mitnehmen, belehrt sie
eines besseren. Die Jugendlichen geraten in einen Alptraum, in dem die
Grenzen zwischen Realität und Einbildung verwischen. Nur eins ist
sicher: Der abgetrennte Schädel, der letztlich durch den Wagen kullert,
ist echt. Er gehört dem erfolgreichen Produzenten einer beliebten
Reality-Show.
Kein leichter Fall für Kriminalrat Max Pfeffer, denn die Frage, wo der
Körper des Toten verblieben ist, wird schnell völlig zweitrangig. Was
verheimlicht der schwergewichtige Kompagnon und Jugendfreund des
TV-Produzenten? Welche Rolle spielen die bothox-süchtige Witwe und
deren anabolika-abhängiger Liebhaber? Warum ist ein erzkonservativer,
bibeltreuer Kardinal so brennend an dem Fall interessiert? Und wie paßt
eine attraktive Hirn-Forscherin in das Puzzle? Pfeffer müßte eigentlich
einen kühlen Kopf bewahren, doch in seinem Privatleben geht es momentan
drunter und drüber. Also läßt er sich auf ein gefährliches Spiel mit
Tatverdächtigen ein. Er muß erkennen, daß Abenteuer am Abend teuer
werden und der Grat zwischen Wahn und Wirklichkeit sehr schmal ist. Ehe
Max Pfeffer sich versieht, steckt er in seinem ganz persönlichen
Alptraum. Und er muß sich beeilen, daraus aufzuwachen, denn wer immer
den TV-Produzenten köpfte, hat es nun auf das abgesehen, was Pfeffer
liebt: seine Familie.
Krimifans kennen den melancholischen Kriminalrat Max Pfeffer bereits
aus »Das geschenkte Mädchen« (Leda-Verlag, 2004). Martin Arz legt mit
»Reine Nervensache« seinen zweiten Pfeffer-Roman vor.
»Reine Nervensache«, Pfeffers zweiter Fall, Kriminalroman von Martin Arz, September 2005, Leda-Verlag, Leer, ISBN 3-934927-62-9
Leseprobe:
Aus: Reine Nervensache...
»Gut, dann schauen wir nach«, sagte Nathalie und stieg aus dem Wagen.
»Frankie, du kommst mit und Benni bleibt im Wagen, falls …«
»Falls was?«, fragte Frank provozierend.
»Nix.«
»Du meinst, falls es doch eine Falle sein sollte. Dann kann er
wenigstens nicht alle von uns auf einen Schlag erwischen, oder?« Frank
verdrehte die Augen und tippte sich an die Stirn.
»Penner! Kommst du nun mit?«
»Ich muss eh im Wagen bleiben, weil ich der einzige von uns bin, der
einen Führerschein hat, logo, oder?«, sagte Benni. »Und wartet, mein
Onkel hat immer Taschenlampen im Wagen. Für alle Fälle.« Er wühlte im
Handschuhfach und holte zwei große Mag-Lites heraus. »Hier. Damit kann
man im Zweifelsfall auch psychopathischen Mördern eins über die Birne
ziehen.« Die beiden Jungs lachten.
Nathalie schnappte sich eine der Taschenlampen, strich sich den
khakifarbenen Minirock zurecht und ging los Richtung Haus. Das
Gartentor war nur angelehnt. Das Mädchen ließ den Lichtkegel ihrer
Mag-Lite über die Hausfassade tanzen. Das Gebäude machte einen leicht
heruntergekommenen Eindruck. Die Fassade schien schmutzig braun und von
den geschlossenen Fensterläden löste sich in großen Flächen die alte
grüne Farbe. Ein zweiter Lichtkegel gesellte sich zu ihrem. Frank hatte
zu ihr aufgeschlossen. Gemeinsam betraten sie den Garten, den sie bei
Sonnenlicht sicherlich als romantisch-verwildert bezeichnet hätten. Nun
im Dunkeln schien er ihnen düster-verwahrlost.
»Hallo!«, rief Frank. »Hallo, Jo. Bist du da irgendwo?« Keine Antwort.
»Falls du ausgerutscht bist und dir das Genick gebrochen hast, lass es
uns wissen!«
»Sehr witzig«, meinte Nathalie. »Hier liegt jedenfalls niemand.
Vielleicht sollten wir mal um das Haus herumgehen.« Sie stapften durch
das nasse Gras, beleuchteten abwechselnd die Fassade des Hauses und die
dunklen Kiefern hinter dem Garten mit den Taschenlampen. Keine Spur von
Jo oder sonstwem. Als sie das Haus umrundet hatten, warf Nathalie einen
kurzen Blick zurück zum Auto an der Straße. Benni hatte die
Innenbeleuchtung angelassen und saß relaxt hinterm Steuer. Als hätte er
ihren Blick bemerkt, winkte er kurz.
»Lass uns mal schauen, ob jemand zu Hause ist«, sagte Frank und schritt
zur Eingangstür. Er rüttelte dramatisch am Knauf und drehte sich mit
weit aufgerissenen Augen zu Nathalie um. »Hey, das gibt’s nicht!«
»Was?« Nathalie war sofort von seiner Erregung erfasst. »Ich wusste es doch, die Tür ist offen, oder?«
»Äh …« Frank entspannte seine Gesichtszüge und löste seine Hand von dem Knauf. »Nein, abgesperrt.«
»Depp«, rief Nathalie, wütend über sich selbst, dass sie auf Franks
Spiel hereingefallen war. »Hinterm Haus war doch noch eine Tür, da
können wir es ja auch noch versuchen.«
Sie gingen zur Hintertür, die offenbar von der Küche zu einer kleinen
Terrasse führte. Auch hier rüttelte Frank dramatisch am Knauf, doch er
konnte sein Spielchen nicht durchziehen. Denn wie erwartet und
gleichzeitig befürchtet, ließ sich die Türe öffnen. Der Junge stand
einige Sekunden unschlüssig vor dem Dunkel, das im Inneren des Hauses
lauerte.
»Jetzt reicht es echt!« Nathalie trat neben Frank und packte seinen
Oberarm. Frank lebte praktisch im Sportstudio, sofern es die
Abiturvorbereitungen erlaubten. Zwar behauptete er immer, er trainiere
so viel, weil die Mädels drauf stehen würden, doch in Wahrheit stand
vor allem sein Ego auf einen durchtrainierten Körper. Seine harten
Muskeln zu fühlen gab Nathalie zusätzliches Selbstvertrauen. »Hier
läuft was ganz Schräges.«
Nathalie erinnerte sich an die zahllosen Horrorfilmen, die sie gesehen
hatte. Da gab es immer, selbst in den besser gemachten, eine klassische
Sequenz, in der einer der jung-dynamischen, attraktiven
Hauptdarsteller, meist die knackige Blondine, aus welchen Gründen auch
immer ein gruseliges Gemäuer, alternativ dazu einen finsteren Keller,
betreten musste. Ebenso üblicher- wie unlogischerweise stolperte die
Blondine sinnlos »Hallo, hallo«-rufend in die Dunkelheit hinein,
geradewegs dem Psychopathen mit der Kettensäge in die Arme, statt als
allererstes einen Lichtschalter zu suchen, um die Lage besser
überblicken und dem Killer vielleicht entkommen zu können. Nathalie
tastete an der Wand entlang, fand schnell den Schalter und machte
Licht. Die beiden Jugendlichen betraten zögernden Schrittes langsam das
Haus.
»Hör zu«, sagte Nathalie bestimmt, »wir gehen schnell in jeden Raum und
machen alle Lichter an, die wir finden. Alle! Erst dann schauen wir uns
um.« Frank hatte nichts dagegen. Schnell durchschritten sie die Küche,
den engen Flur, das kleinen Wohnzimmer, das Schlafzimmer, ebenso Bad
oder Toilette. Obwohl sie ihr Augenmerk auf Lichtschalter gerichtet
hatten, war den beiden gleich aufgefallen, dass Jo oder wer immer hier
wohnte, kein gutes Händchen für Inneneinrichtung hatte und vor allem
öfter lüften sollte. Als sie sich genauer umsahen, entdeckten sie ein
Chaos an zusammengewürfelten Sesseln mit speckigen Bezügen und Stühlen
unterschiedlicher Epochen im Wohnzimmer, dem Wust aus Kissen, Kleidung,
Decken und Undefinierbarem in allen Schlafzimmerecken, die fein
säuberlich zusammengeschnürten Stapel von Zeitungen entlang der
Badezimmerwände, die Pyramide aus milchigen Einmachgläsern, in denen
Undefinierbares schwamm, in der Mitte der Küche, die grässlichen
unmodernen Tapeten, die sich an zahllosen Stellen von den Wänden
lösten, die Schimmelflecken in der Toilette, die von oben bis unten mit
kitschigen Marienbildchen tapeziert war. Im Flur hingen an der einen
Wand große Schwarzweißfotos von Unfallopfern, Großaufnahmen von
entstellten, zerfleischten, malträtierten Gesichtern, die
gegenüberliegende Wand war mit unzähligen Gekreuzigten übersät,
Hunderte von gemarterten Christuskörpern aus Holz ohne Kruzifix. Im
Schlafzimmer bemerkte Frank das Riesenposter, das genau dem Bett
gegenüber an der Wand hing. Es zeigte die berühmte Szene aus dem Film
Das Schweigen der Lämmer, in der die beiden Wachmänner, die den
Kannibalen Hanibal Lector in seinem Hochsicherheitskäfig bewachen
sollten, brutal ermordet wurden und in einer melodramatischen
Inszenierung wie geschlachtete Engel an den Gitterstäben gefesselt
hängen.
»Boah, wie widerlich«, rief Nathalie, die innerlich einen Kampf
zwischen Schock, Ekel und Neugier ausfocht. Eben noch hatte die Neugier
überwogen, nun hielten sich die Gefühle die Waage. Zum ersten Mal war
Nathalie froh, dass Frank so ein Eau-de-Toilette-Junkie war, denn der
Duft brachte etwas Vertrautes, Angenehmes in diese streng müffelnde
Bruchbude. Franks zu riechen beruhigte sie mehr, als sie es sich selbst
eingestehen konnte.
»Und guck mal hier.« Frank deutete auf den Nachttisch, dort lagen
mehrere Rollen Küchenpapier. Dann zeigte er auf einen Haufen
zerknüllter Küchentücher, die auf und neben dem Bett lagen. Mit spitzen
Fingern hob er ein Knäuel auf. »Jede Wette, dass der sich einen auf das
Bild da wichst. Muss der krank sein.«
Im Wohnzimmer fiel Nathalie ein riesiges Ölgemälde auf, das über einer
verschrammten Anrichte hing. Das Bild war schlecht gemalt, doch der
Dargestellte kam Nathalie bekannt vor.
»Das solltest du dir mal ansehen«, sagte Frank und lenkte Nathalie
davon ab, was sie eben in der Zimmerecke erspähte: Dort lagen achtlos
auf einen Haufen geworfen mehrere ramponierte Tierpräparate – Wiesel,
Vögel und ein Fuchs. Nathalies Blick blieb sekundenlang an einer
ausgestopften Hauskatze hängen.
Frank hielt ihr ein Album unter die Nase. »Das lag aufgeschlagen auf
dem Couchtisch da.« Sie blätterte darin herum. In dem Album klebten
säuberlich ausgeschnitten und chronologisch sortiert zahllose Artikel
über den Kannibalen von Rotenburg, der einst monatelang die
Schlagzeilen beherrscht hatte. Der unscheinbare Mann hatte per Internet
einen Kandidaten gesucht, der sich von ihm schlachten und verspeisen
lassen wollte – und einen Berliner Ingenieur gefunden, dessen
sehnlichster Wunsch es angeblich gewesen war, so zu sterben und
gegessen zu werden. Hinter der romantischen Fassade eines
Fachwerkhauses in einem kleinen hessischen Dorf war es dann zu der Tat
gekommen. Der Mord war erst Jahre später aufgeflogen, als eine
Sonderkommission der Polizei einschlägige Chatrooms observierte und
dabei auf eine neue Suchanzeige des Kannibalen stieß.
Nathalies riss den Kopf herum zu dem Bild über der Anrichte. Natürlich
– deshalb war ihr das Gesicht so bekannt vorgekommen, das Gemälde war
ein Portrait des Menschenfressers. Armin Meiwes – sogar der Name des
Verbrechers fiel ihr plötzlich ein. Warum konnte sie sich nur an den
Namen des Kannibalen erinnern?
»Okay, das reicht«, sagte Nathalie laut, ihre Neugier war mehr als
befriedigt. »Ich weiß nicht, was hier läuft, aber ich haue ab. Hier
schaut es aus wie in einem Marilyn-Manson-Video. Und das brauche ich
überhaupt nicht. Wenn das hier eine perverse Spielart von Versteckte
Kamera ist, dann kommt jetzt raus, Leute.« Sie machte eine kurze Pause,
wohl wissend, dass nichts passieren würde. Sie merkte, dass Frank
blasser als sonst aussah und ständig schluckte. »Gut. Ich bin weg. Ich
habe die Schnauze voll. Frank, wir gehen.«
Sie verließen das Haus durch die Küche. Als sie die Pyramide mit den
großen Einmachgläsern passierten, blieb Frank stehen und sagte: »Schau
mal. Oder besser, nein, schau lieber nicht.«
Doch Nathalie schaute bereits. In den Gläsern am Fuße der Pyramide
dümpelten weißliche zoomorphe Gebilde in gelblicher Flüssigkeit, die
aussahen, als hätten fette Maden beschlossen, groteske Karikaturen von
Säugetieren und Vögeln zu bilden. »Tierembryonen«, entfuhr es Nathalie.
In den höheren Etagen befanden sich in Alkohol eingelegte Organe. Sie
erkannte ein Herz und eine Lunge. Die Präparate kamen ihr alt vor, weil
sie fast völlig farblos in einer trüben Flüssigkeit schwammen – und
weil auf manchen Gläsern Beschriftungen mit Datumsangaben vor 1960 zu
lesen waren. Ganz oben auf dem Stapel befand sich das größte Glas.
Darin steckte ein menschlicher Fötus, zumindest etwas, das entfernt an
einen menschlichen Fötus erinnerte. Die schrumpelige Haut war mit
großen dunklen Flecken übersät, wo die Nase hätte sein sollen, klaffte
eine längliche Spalte.
»Ich kotz gleich«, sagte Frank und atmete schwer. »Ich hoffe, ich wache bald auf!«
Nathalie packte seine Hand und zog ihn mit sich fort. Nur raus hier,
schoss ihr durch den Kopf, bevor er uns erwischt. Sie hatte sich tapfer
dagegen gewehrt, doch nun kehrte die Axtmörderphantasie mit Vehemenz in
ihr Bewusstsein zurück. So sehr sie sich auch einredete, dass das alles
hier nur eine Inszenierung sein konnte, ein realer Splatterfilm, mit
dem sie auf den Arm genommen werden sollte – von wem auch immer,
weshalb auch immer –, sie wusste tief in ihrem Inneren, dass es real
war.
»Egal was Benni sagt, ich will, dass wir sofort weiterfahren und nicht
eine Sekunde länger auf diesen Typen warten, der sich auf Kannibalen
einen runterholt«, sagte Nathalie, und bemühte sich ihre aufkeimende
Panik niederzudrücken und nicht loszurennen. War da nicht ein Geräusch
im Gebüsch? Nicht hysterisch werden, sagte sie sich und während sie
sich dem Van näherten, der wie ein skurriler leuchtender Riesenkäfer an
der Straße parkte, wiederholte sie laut: »Kapiert, Frank? Wir hauen ab.
Egal, was Benni sagt.«
Doch Benni konnte gar nichts sagen. Er war weder im Auto noch in der Nähe.
»Benniiiii!«, rief Frank und tastete mit dem Lichtkegel seiner Mag-Lite
den Wald ab. »Benjamiiiiiin!« Seine Stimme zitterte und überschlug sich.
»Das ist nun ebenfalls nicht witzig«, sagte Nathalie, öffnete die
Wagentür und setzte sich schnell auf den Beifahrersitz, nachdem sie die
Reisetasche des Trampers in den Fußbereich geschubst hatte.
»Da läuft echt ’ne ganz abgewixte Sache. Scheiße!« Frank stieg ein.
Nathalie drückte den Türknopf auf ihrer Seite, die Zentralverriegelung
ließ alle Autotüren zuschnappen. Sie fühlte sich etwas sicherer.
»Hmm, Schlüssel steckt natürlich auch nicht. Kommt jetzt die
Geschichte, in der der Mörder ums Auto schleicht und dann den
abgeschlagenen Kopf des vermissten Freundes auf das Wagendach schlägt,
während sich die im Auto Wartenden vor Panik in die Hose machen?« Frank
versuchte zu lachen. Es blieb bei dem Versuch.
Nun erst merkte Nathalie, dass Frank noch viel näher an einer Panik war
als sie. Er zitterte und schwitzte. Sein Blick huschte suchend durch
die Dunkelheit draußen. Der parfümierte Muskelprotz war ein nach
Angstschweiß stinkendes Häuflein Elend, das versuchte, mit coolen
Witzen einen letzten Hauch von Männlichkeit aufrecht zu erhalten.
Nathalie seufzte und wühlte in ihrem kleinen schicken Ausgehrucksack
nach ihrem Handy. »Okay, tief durchatmen, ich rufe Benni an. Oder wen
auch immer.« Das Mobiltelefon in ihrer Hand, diese geballte Ladung
High-Tech im Miniformat, gab ihr schlagartig neue Zuversicht.
»Tu das. Und ich werde nun das Geheimnis der Trampertasche lüften.«
Frank schnaufte schwer, beugte sich hinüber und zog die Tasche zwischen
Nathalies Füßen hervor. Er stellte die Tasche auf seine Knie und zog am
Reißverschluss, der sich mühelos öffnen ließ.
»Scheiße, kein Netz«, sagte Nathalie und starrte auf das Display.
»Irgendwie logisch.« Aus den Augenwinkeln bemerkte sie eine Bewegung
neben dem Auto, in der selben Sekunde klatschte etwas gegen das
Fenster. Das Mädchen schrie panisch auf und krallte ihre linke Hand in
Franks Arm. Was gegen die Scheibe der Beifahrertür geklatscht wurde,
war eine Hand. Die Hand bewegte sich und zog Schlieren über das
Fenster, blutige Schlieren.
»Es reicht!«, schrie Nathalie. »Es reicht! Schluss! Aufhören!«
Die Hand wurde urplötzlich zurückgezogen. Dann kam dieses Geräusch, das
Kratzen und der charakteristische Ton von Blech, das eingedrückt wird.
Der Van schwankte ein wenig hin und her. Jemand kletterte auf das Dach
des Vans. Ein Fellbündel klatschte auf die Windschutzscheibe, wieder
und wieder. Ob es eine tote Katze oder ein anderes Tier war, konnten
die beiden Wageninsassen in ihrer grenzenlosen Panik nicht ausmachen.
Sie starrten wie gelähmt auf den Fellklumpen, der im fahlen Licht der
immer noch eingeschalteten Wageninnenbeleuchtung mit einem grässlichen
»Patsch« mehrfach vor ihnen aus dem Dunkel auftauchte, aufschlug und
blutige Schleier hinterließ. Das Blech knackte wieder, dann ein dumpfes
Plumpsen. Der Unbekannte war offensichtlich vom Wagendach gesprungen.
Plötzlich tauchte ein Gesicht aus dem Dunkel auf und quetschte sich
gegen die Scheibe auf der Fahrerseite. Frank hüpfte vor Schreck auf dem
Sitz und stieß sich den Kopf am Wagendach. Dass es das Gesicht von
Benni war, erkannte Nathalie erst auf den zweiten Blick. Dass er mit
Sicherheit tot sein musste, bemerkte sie sofort. Bennis Kopf wurde nach
rechts und links geschoben und gab dabei ein ekliges Quietschen von
sich. Benni verschwand. Dann tauchte ein weiterer Kopf auf und Frank
schrie diesmal noch lauter auf als Nathalie. Das unrasierte Kinn von Jo
rieb sich im Blut auf der Scheibe. Er grinste diabolisch und machte
Fratzen, presste seine Nase und seine Lippen abwechselnd gegen das
Glas. Er weidete sich an dem Entsetzen der beiden Jugendlichen, die
sich aneinander klammerten. Dass Frank sich einnässte, nahm Nathalie
nur ganz am Rande wahr. Jo zog sich schlagartig zurück. Wie versteinert
verharrten die Autoinsassen in ihrer Position. Erst als sich
minutenlang nichts tat, lösten sie sich langsam voneinander. Dabei
rutschte die Reisetasche, die auf Franks Knien gelegen hatte, zur
Seite. Etwas in der Tasche geriet in Bewegung und suchte seinen Weg
hinaus. Ein Kopf kullerte über Nathalies Schoß, ihre Beine hinunter und
kam im Fußraum zum Liegen.
Während Frank sich erneut in die Hose machte und wie Espenlaub
zitterte, schrie Nathalie mit überschnappender Stimme fortwährend
»Scheiße! Scheiße! Scheiße!«. Etwas anderes kam ihr nicht in den Sinn.
Auch als draußen grelles Scheinwerferlicht aufflammte und mehrere
Menschen schemenhaft aus der Dunkelheit des Waldes auftauchten, schrie
Nathalie noch ihr Scheiße-Stakkato ...
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