|  Druckversion
 

 
 
Home
 
 
News
 
 
Kunst & Kultur
 
 
Reisen und Freizeit
 
 
Event´s & Veranstaltungen
 
 
Sport
 
 
Musik
 
 
Kino & Film
 
 
Stars & Sternchen - Klatsch & Tratsch
 
 
Wohnen & Einrichten
 
 
Bücher
 
 
Auto & Verkehr
 
 
Technik & Trend`s
 
 
Hund Katze Maus...
 
 
ONGURU klärt auf
 
 
Bildergalerien
 
 
Downloads
 
 
Gewinnen mit ONGURU
 
 
Kontakt
 
 
Impressum
 
 
AGB
 
 
Suche
 
 
Links & Partner aus Kunst & Kultur
 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 
auto pkw
 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 
Bundesministerium für Senioren,Frauen und Jugend
 
 
Bundesministerium für Gesundheit
 
 

 
 
Bundesministerium für Justiz
 
 
bundesministerium für verkehr, bau und stadtentwicklung
 
 

 
 
Bundesministerium für Verteidigung
 
 

 
 
Bundesministerium für Finanzen
 
 

 
 
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
 
 
bund de steuerzahler schwarzbuch
 
 

 
 

 

Home : kunst_kultur : martinarz : Martin Arz - Bücher und Leseproben

Martin Arz - Bücher und Leseproben

Tod eines Luders


Kurzinhalt:

Die beliebte Quoten-Queen Mona Wenzel steckt in der Krise: ihre Karriere geht bergab, ihre Kosmetik-Serie floppt, ihr Sohn streift als Trümmertranse durchs Nachtleben und ihr Gatte betrügt sie mit einem üppigen blonden Luder. Auch Felix hat schon rosigere Zeiten erlebt, denn er hat seinen Job geschmissen und ist pleite. Doch wozu hat man Freunde? Nur allzu gern nimmt er deshalb den Job an, den ihn Münchens führende PR-Lady anbietet: Felix soll sich um das Luder kümmern, das sich an den Gatten des TV-Stars Mona Wenzel herangemacht hat. Was einfach klingt, entpuppt sich schnell als mittlerer Horrortrip, denn ein Luder scheint plötzlich Mona Wenzels geringstes Problem zu sein: ihre Haushälterin wird rücklings mit einem Brieföffner gemeuchelt. Felix sieht sich geradezu genötigt, gemeinsam mit Katja und Erzengel auf eigene Faust zu ermitteln. Gar nicht so einfach, wenn man eine üppige Blondine an der Backe hat und einem ständig der liebestolle TV-Star-Sohn zwischen die Beine kommt. Und für Felix ist spätestens dann Schluss mit lustig, als er brutal entführt wird ...
»Tod eines Luders« Das 4. Felix-Abenteuer, Kriminalroman von Martin Arz, Bruno Gmünder Verlag, Berlin, 2004, ISBN 3-86187-594-2

Leseprobe:
Aus: Tod eines Luders...

»Herr von Schwind«, sagte die Kazmarek ohne mich anzusehen, »Sie sollen uns unterstützen, Frau Wenzel aus den Negativschlagzeilen zu halten. Wir haben, bevor Sie eingetroffen sind, bereits mit Ihrem Vater, Herrn Gebrecht und Frau Klein alles besprochen. Ich werde Ihnen gerne ein Gesprächsprotokoll zukommen lassen, wenn Sie wollen. Alles, was Frau Wenzel nutzt, werden wir unternehmen. Mag die Öffentlichkeit rätseln, was nun an der Sache zwischen Herrn Gebrecht und seinem Luder dran ist, wichtig ist nur, dass es keine mediale Schlammschlacht gibt.«
»Luder?«, fragte Katja ungläubig. »Entschuldigen Sie bitte, aber die betreffende Dame ist anwesend!«
»Frau Klein«, fuhr die kalte Kazmarek emotionslos fort, »wird den Medien als Faschingsluder verkauft ...«
»Faschingsluder?!«, schrie Katja fassungslos und tippte sich an die Stirn.
»Ich war mal Faschingsprinzessin«, sagte Sandra Klein mit einem entschuldigendem Lächeln. »Und bald ist Halloween. Da lag es nahe.«
»Die Bezeichnung ist ebenso vertraglich festgelegt wie ihre Rolle«, riss Penelope Kazmarek das Gespräch wieder an sich.
»Kann es sein, dass ich hier im falschen Film bin?«, fragte ich. »Ich soll also mit einem Faschingsluder um die Häuser ziehen. Und wer bin ich? Der Faschingsluder-Hengst? Das ist doch alles Lug und Trug!«
Penelope Kazmarek lachte blasiert. Auch Gudrun Nachtweih verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen, reckte den Giraffenhals und schüttelte den Kopf. »Das, Herr von Schwind, lassen Sie mal ganz allein unsere Sorge sein«, sagte die Kazmarek. »Im Übrigen wird Ihr Name und alles weitere zu Ihrer Person nicht bekannt gegeben. Außer Sie legen Wert darauf, was ich mir nicht vorstellen kann. Sie brauchen auch keine Angst vor Paparazzi zu haben, denn ein Luder ist keine A-Prominenz. Niemand berichtet über Luder, außer sie drängen sich in die Öffentlichkeit. Wir arrangieren das. Das läuft so in der Luderlobby. Die Medien interessieren sich in der Regel für nichts, auf das sie nicht mit der Nase gestoßen werden. Machen wir uns nichts vor, die Öffentlichkeit will belogen werden. Am liebsten belügt sie sich sogar selbst. Nehmen Sie die Fälle Sedlmayr, Gildo oder Mercury. Jeder Medienschaffende wusste, dass sie homosexuell waren, doch wurde nie darüber berichtet. Und kaum waren sie tot, taten alle so, als seien sie über die Enthüllungen zutiefst schockiert. Erzählen Sie mir nicht, das sei neu für Sie. Sie haben doch auch jahrelang in der Werbebranche gearbeitet. Da müssten Sie den freizügigen Umgang mit der Wahrheit gewohnt sein, oder irre ich mich, Herr von Schwind?«
Sie sah mich mit ihren hellblauen Augen provozierend an. Ich verspürte den dringenden Wunsch, ihren Kopf in eine Toilette zu tauchen. Eine verstopfte Toilette. Dazu musste ich aber erst einmal die Örtlichkeit finden und für die Verstopfung sorgen. So entschuldigte ich mich und ging nach draußen.

Die Villa der Schauspielerin war im toskanischen Stil gebaut, der Grundriss fast quadratisch. Vom Entree gelangte man direkt in den großzügigen Salon, in das Speisezimmer, ein Arbeitszimmer sowie eine Bibliothek, zudem führte eine breite Treppe in das obere Stockwerk. An den Wänden hing großformatige moderne Kunst. Links und rechts neben der Eingangstüre gab es je eine geschlossene Tür. Hinter der einen musste sich die Küche, hinter der anderen die Gästetoilette verbergen. Ich wollte eben die linke Tür ausprobieren, als von der Treppe ein fiepsendes Geheul erklang und ein Schreckgespenst die Stufen hinab auf mich zustürmte. Ich war für Sekundenbruchteile wie gelähmt, ebenso das Gespenst, das sich bei näherem Hinsehen als grotesk geschminkte junge Frau mit einem ausgesprochenen Faible für gruftig-nuttige Kleidung und einer mörderischen Alkoholfahne entpuppte. Sie sah aus wie Yvonne DeCarlo alias Lily Munster auf Speed. Ihr Maskara war verlaufen und bildete schwarze Teiche unter ihren Augen, den schockroten Lippenstift hatte sie sich quer über die Wangen verwischt. Nun erst, beim noch genaueren Hinsehen, fiel mir auf, dass die Frau in Wahrheit eine Trümmertranse war, die als Lily Munster verkleidet war und auf Pumps mit Kamikazeabsätzen schwankend Halt suchte.

»Sie ist tot!« Der Typ hatte seine Stimme wieder gefunden und packte mich am Kragen. »Laura. Tot, da oben!« Er deutete hinauf, packte mich am Handgelenk und zerrte mich die Treppen hinauf bis unters Dach in den zweiten Stock.
»Wer?«, fragte ich verduzt. »Wer ist tot?« und versuchte mit der Transe Schritt zu halten.
»Laura«, keuchte der Verkleidete und zog mich weiter. »Unsere Laura!« Das Dachgeschoss war großzügig ausgebaut. Links führten zwei Türen zu einer Art Appartement. Ich befreite mich vom Griff der Transe und spähte in den einen Raum. Man sah die Leiche erst, wenn man um den großen alten Tisch, der in der Mitte des Wohnzimmers stand, herum gegangen war. Die Frau lag friedlich ausgestreckt auf dem Rücken, die Augen geschlossen. Sie war mittleren Alters und das, was man ein barockes Vollweib nannte. Sie trug einen dunkelblauen, samtenen Morgenmantel, wo der Kragen etwas verrutscht war, sah man den Spitzenträger eines BHs blitzen. Unterhalb ihrer Brust ruhte ihre verkrampfte linke Hand. Wenn man sich bückte und genau hinsah, konnte man erkennen, dass sie einen Brieföffner umkrallte, der in ihrem Körper steckte. Ich berührte kurz ihre Wangen - kalt. Also doch kein schlechter Halloween-Scherz. Vermutlich gab es noch mindestens einen weiteren Einstich in ihrem Körper, aus dem das mittlerweile getrocknete Blut auf den Parkettfußboden gelaufen war. Die tödlichen Wunden zeigten, dass jemand gar nicht gut auf diese Laura zu sprechen gewesen war.
»Laura Meitinger, unsere Haushälterin«, sagte der grell geschminkte Typ ungefragt. »Mein Gott, Laura. Ich bin eben nach Hause gekommen.« Er lehnte sich gegen den Türrahmen. Bis zur Hüfte war er tatsächlich eine recht gute Kopie von Lily Munster: die lange, schwarze Perücke mit den zwei weißen Strähnen, das hellgraue Oberteil mit den langen Zipfelärmeln, und natürlich das Make-up. Doch untenherum hatte es nur zu einem knappen Minirock gereicht. Dieser, kaum mehr als ein breiter Gürtel, war so weit nach oben gerutscht, dass man seinen Slip durch die Maschen der schwarzen Netzstrumpfhose blitzen sehen konnte. Er trug weißen Feinripp mit Eingriff. Ich hatte lange genug hingestarrt, um das zu bemerken. Er nahm meinen Blick wahr und berührte meinen Arm, dabei hinterließ er einen roten Abdruck auf meinem Hemd. Seine Hand war leicht blutverschmiert. »Hast du eine Zigarette?« Ich verneinte. »Na, auch egal, ich habe noch welche.« Er begann umständlich in seiner Handtasche zu wühlen, die eigentlich keine Handtasche, sondern eine Ariel-Waschpulvertrommel mit Henkel war. Dabei schniefte er erbärmlich. Ich reichte ihm ein Tempo. Er lehnte ab.
»Gleich vorbei«, sagte er lässig und zog geräuschvoll Rotz in die Nebenhöhlen. »Die Nase fließt nur wegen der Temperaturumstellung von Draußen nach Drinnen.«
»Alles klar. Und wer bist du?«, fragte ich. Er reagierte nicht. Seine Perücke war ein wenig verrutscht und legte sein echtes Haar frei: dunkelblonde kurze Stoppeln.
Erst nachdem er endlich aus den Tiefen seiner Waschmittelhandtasche ein Päckchen Lucky Lights herausgekramt und sich eine Zigarette angezündet hatte, antwortete er: »Wer ich bin? Gute Frage. Die bessere Frage lautet allerdings, wer du bist.« Er zerrte ein wenig an dem Minirock herum und gab dann auf. »Scheiß drauf«, sagte er dann. »Kannst ruhig die Kronjuwelen sehen, wenn du willst.« Er schenkte mir einen koketten Blick. Der Typ hatte vielleicht Nerven! Angesichts von Mordopfern pflege ich nicht zu flirten, und mit Gruseltransen schon gleich gar nicht - da habe ich so meine Prinzipien.
»Dir ist schon klar, dass du Blut an der rechten Hand hast?«, fragte ich und zupfte demonstrativ an meinem verschmutzen Hemdsärmel.
»Na und?« Er sah mich müde mit schweren Lidern an. »Ich habe Laura berührt. Weil sie so friedlich dalag. Dachte, sie hatte einen Herzinfarkt oder so. Das Messer habe ich erst später bemerkt. Das Blut an ihrem Morgenmantel war wohl noch nicht weggetrocknet.«
Die Tucke gab sich einen Ruck und stöckelte schwankend Richtung Treppenabgang. »Na, ist auch egal, wer du bist, wenn du hier den Geheimnisvollen spielen willst«, rief er über die Schulter. »Ich glaube, ich sollte jetzt meine Eltern informieren, dass unsere Perle tot ist.« Seine Kaltschnäuzigkeit irritierte mich, gleichwohl merkte ich, dass sie gespielt war.
»In dem Aufzug?«, rief ich ihm hinterher.
Er blieb verwundert stehen. »Welcher Aufzug?«, fragte er mich. Dann sah er an sich hinunter. »Ach so. Das macht nix.« Er winkte mit der linken Hand ab, ein falscher Fingernagel löste sich und flog durch die Luft. »Meine Alten wissen über mich Bescheid. Keine Sorge. Die schockt schon lange nix mehr.«

.... Fortsetzung nur im Buchladen!


Das geschenkte Mädchen


Kurzinhalt:

Völlig ausgeblutet wird die Leiche eines Afrika-Experten an einem tristen Wintertag aufgefunden. Allerfeinste Profiarbeit, wie Kriminalrat Max Pfeffer von der Münchner Kripo feststellt.
Eine Holzfigur, ein toter Galerist und die schöne Helene – Max Pfeffer ist nicht in seinem Element. Sein Kunstverständnis beschränkt sich auf coolen Acid Jazz und mit Frauen hat er’s überhaupt nicht. Pfeffer wohnt mit seinem Lebensgefährten in einem Münchner Einfamilienhaus und müht sich mit der Erziehung zweier Söhne ab. Während sein Zwölfjähriger gerade erst Britney Spears für sich entdeckt, ist Cosmo Frontman der Hiphop-Band Volle Härte und dem Vater schon mit sechzehn über die Kopf gewachsen – und er unterschlägt unwissentlich ein wichtiges Beweisstück in Pfeffers neuem Fall.
Was hat Afrika mit dem Mord zu tun – die ehemals deutsche Kolonie Kamerun, der Stamm der Ndjamele, die Legende von Akassi und Awali? Tod nach Kolonialherrenart?
Pfeffer muss sich mit einer dunklen Epoche der deutschen Geschichte auseinandersetzen, denn die Wurzeln des Verbrechens gehen zurück in die Zeit, als über Kamerun die Flagge des Deutschen Kaiserreiches wehte. Damals schenkte ein schwarzer Fürst einem deutschen Kolonialpionier eine Sklavin ...
Martin Arz zeigt mit einem in den Krimiplot eingearbeiteten »Tagebuch« eines deutschen Kaufmanns in Afrika eine Vielseitigkeit, die von der Tatsache, dass er das Cover für sein Buch selbst entworfen hat, noch bestätigt wird.
Sachkundig und mit leichter Hand führt er den Leser durch eine ungewöhnliche Geschichte von Abenteuerlust und Habgier, Rache und Wiedergutmachung. Ein Roman nicht nur für eingefleischte Krimileser.

»Das geschenkte Mädchen« Kriminalroman von Martin Arz, Leda Verlag, Leer, 2004, ISBN 3-93492-742


Leseprobe:
Aus: Das geschenkte Mädchen

»Ganz schöne Sauerei, was Chef?«, sagte Kommissar Paul Freudensprung zu seinem Vorgesetzten, rieb sich die Augen und umrundete vorsichtig die große Blutlache.
»Hmmm«, brummte Max Pfeffer und kratzte sich nachdenklich am Kinn. »Der arme Kerl ist offenbar langsam verblutet.«
»Pfeffer!«, mischte sich die schwergewichtige Gerichtsmedizinerin ein, die neben der Leiche kniete und bei der Arbeit munter vor sich hin rauchte. Pfeffer war sich fast sicher, dass die Spurensicherung den Tatort eigentlich noch nicht zum Rauchen freigegeben hatte. Doch die Pathologin rauchte immer überall, sobald die Spurensicherung erste Anzeichen von Arbeitsende gab. »Willst du jetzt meinen Job machen? Wie und woran er gestorben ist, werde ich dir schon rechtzeitig mitteilen.«
»Schon gut, Pettenkoferin. Was ist los, Paul?« Pfeffer wandte sich wieder an Freudensprung. »Du siehst heut wieder aus, als hättest du eine Megaparty hinter dir. Fasching?«
Freudensprung rieb sich erneut die verquollenen Augen. »Nix ist los, Chef«, antwortete er übelgelaunt. »Hab nur schlecht geschlafen.«
»Schon wieder?«
»Schon wieder!«
»Wenn du irgendwelche Probleme hast ...«
»Jaja, schon gut.« Paul Freudensprung winkte ab und grunzte. »Alles bestens, hab eben momentan Schlafprobleme.«
Max Pfeffer zuckte mit den Schultern. »Gut, zurück zur Arbeit. Wo ist die Frau, die ihn gefunden hat? Die Putzfrau, richtig?«
»Sitzt nebenan und heult«, sagte Freudensprung. »Kein Wunder, bei dem Anblick. Sie heißt Fetmeh Yilmaz, auch wenn sie dir gleich sagen wird, dass du Aische zu ihr sagen kannst.«
Pfeffer umrundete die ausgeblutete Leiche und ging in das Nebenzimmer, eine kleine Teeküche. Selbst hier standen auf den Hängeschränken und den Ablagen afrikanische Plastiken unterschiedlicher Größe. Ein großer, offener Karton versperrte fast den Weg. Darin kleine Nagelfetische en masse, die auf Pfeffer richtig antik und wertvoll wirkten. Er hob einen heraus und drehte ihn in den Händen. Vielleicht ein gutes Geburtstagsgeschenk für den Kleinen, dachte Pfeffer, als er sich an der Kiste vorbeiquetschte. Neben dem neuesten Tomb-Raider-Spiel natürlich, das der sehnlichste Wunsch seines jüngeren Sohns war. Das virtuelle Busenwunder Lara Croft ballernd und tittenschwingend auf dem Computerbildschirm und ein unheimlicher Nagelfetisch auf dem Nachtkästchen. Der Kleine würde vor Freude an die Decke hüpfen.
Mit der Figur in der Hand näherte sich Pfeffer vorsichtig der Frau, die in der Ecke auf einem Stuhl zusammengekauert saß und einen Becher Kaffee mit den Händen umkrallte.
»Frau ...«
»Yilmaz, Fetmeh«, unterbrach ihn die Frau mit schriller Stimme und sah zu ihm hoch. Sie mochte Ende dreißig sein, vielleicht Pfeffers Jahrgang, doch sie sah älter aus. Sie trug eine blaue Kittelschürze und ein farblich mutiges Kopftuch. Ihre Augen waren gerötet, aber trocken. Sie schluckte. »Sie können aber Aische zu mir sagen.« Ihr Deutsch war fast perfekt.
»Danke, Frau Yilmaz, ich glaube nicht.« Pfeffer ging in die Hocke, um mit der Sitzenden auf einer Augenhöhe zu sein. Psychologisch nie verkehrt. Bei Augenkontakt auf einer Höhe lügt es sich schlechter. Das mit dem in die Hocke gehen hatte er immer bei seinen beiden Söhnen gemacht, als diese noch klein waren - lange her. »Frau Yilmaz, ich bin Kriminalrat Max Pfeffer von der Münchner Mordkommission.« Er hielt ihr pro forma seinen Ausweis unter die Nase. Gewohnheit. »Erzählen Sie mir bitte alles, was Sie wissen. Wann und wie haben Sie den Toten ...«
»Doktor Westphal«, rief Fetmeh Yilmaz dazwischen.
»Wann und wie haben Sie Doktor Westphal gefunden. Lassen Sie bitte nichts aus.«
Sie ließ nichts aus. Pfeffer bereute beinahe, dass er sie dazu aufgefordert hatte. Nun, sie habe einen Schlüssel, weil sie meistens ganz früh zum putzen komme, bevor der Laden aufmache. Ab und zu auch abends, nach Geschäftsschluss, gegen halb acht, denn Dr. Westphal würde selten länger als sieben seine Galerie offen haben. Je nachdem, wie es ihre anderen Putzstellen zuließen. So wie heute. Und da sei er gelegen und alles voller Blut, so entsetzlich viel Blut. Wie sie das nur je wieder alles wegkriegen solle! Nein, über das Geschäft und die Kunden von Dr. Westphal wisse sie nichts, gar nichts. Ja, Dr. Westphal sei nicht verheiratet gewesen. Keine Frau, keine Freundin, jedenfalls keine, von der sie wisse.
»Wissen Sie, Herr Kriminalrat«, sagte die Putzfrau, »man soll nie etwas Schlechtes über die Toten sagen und ich schäme mich auch dafür, aber Dr. Westphal war kein sehr guter Mann. Verstehen Sie?« Pfeffer verstand nicht. »Ein guter Mann hat eine Frau und eine Familie, für die er sorgt. Für ihn gibt es die Frau und keine andere Frau.«
»Und Herr Westphal hatte also andere Frauen? Obwohl er nicht mal eine hatte?« Pfeffer versuchte sich in die Argumentationslogik der Zugehfrau hineinzuversetzen. Klar, der Tote war ein Schürzenjäger.
»Er hatte nur andere Frauen.« Fetmeh Yilmaz richtete sich gerade auf, drückte das Kreuz durch und klemmte die Hände mit dem Becher zwischen ihre Beine. Tratschposition. »Er hat sogar mir nachgestellt, aber ich bin eine anständige Frau! Aber meine Vorgängerin, Aische, die hat hier nicht mehr arbeiten wollen, weil er sie so sehr belästigt hat. Und Aische ist sehr hübsch. Sie ist meine Nichte. Die Tochter meines zweitältesten Bruders Mehmet und die Schwester von Levent Demir. Sie wissen schon, der TV-Star.« Pfeffer wusste nicht, aber er nickte. »Da habe ich die Stelle übernommen. Meine Familie ...«
»Ist Ihnen aufgefallen, ob was fehlt?«, unterbrach Pfeffer sie schnell, bevor sie auch noch ihre Familienverhältnisse detailliert vor ihm ausbreiten konnte. Sie hatte bestimmt eine große Familie mit Namen, die sich Pfeffer nicht würde merken können, selbst wenn er es gewollt hätte, weil sie mit Sicherheit nichts mit dem Fall zu tun hatten.
»Was fehlt?« Die Putzfrau starrte ihn verwundert an. »Oh, ich weiß, dass die Sachen hier viel wert sind. Auch wenn ich nicht verstehen kann, dass jemand für diese alten, hässlichen und schmutzigen Figuren viel Geld ausgibt.« Pfeffer nickte zustimmend und unterdrückte ein Lachen. »Ich habe Dr. Westphal ja immer angeboten die Sachen zu waschen, ich hätte sie richtig sauber bekommen. Picobello, so sagt die eine Frau immer, für die ich auch putze. Picobello sauber. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, was picobello bedeutet, aber ich hätte die schmutzigen Figuren hier richtig picobello sauber gemacht. Doch Doktor Westphal hat ständig ‚Unterstehen Sie sich' gerufen. Aische hat immer gesagt ...«
»Danke, Frau Yilmaz, Sie haben mir sehr geholfen«, verabschiedete sich Pfeffer hastig. »Wenn Ihnen vielleicht doch noch etwas einfällt, rufen Sie mich bitte an.« Er überreichte ihr seine Visitenkarte und ließ sie in seine rehbraunen Kuschelaugen fallen. Wenn es etwas an ihm gab, das vor allem bei Frauen nie seine Wirkung verfehlte, dann waren es seine dunklen, samtigen Augen. Und sein volles Haar, das, obwohl er die Vierzig noch vor sich hatte, bereits vollständig ergraut war. Sein Friseur versuchte seit Jahren, ihm eine »Auffrischung« der alten Haarfarbe unterzujubeln. Angeblich ganz natürlich. Keine Tönung, nur ein Mittel, das die Farbpigmente wieder reaktiviert. So wie es der Kanzler macht. Doch Max Pfeffer stand zu seinem Grau, das im krassen Kontrast zu seiner beinahe faltenlosen Haut stand. Der Kriminalrat war etwas überdurchschnittlich groß und nicht unbedingt der allerattraktivste, da machte er sich nichts vor. Manchmal, ziemlich selten, litt er ein wenig darunter. Im Sommer konnte er vielleicht einen gewissen Frauentyp mit knapper Kleidung beeindrucken, die seine sehr athletische Figur und vor allem seinen wirklich präsentablen Hintern betonte. Aber egal welches Wetter und wie dick die Kleidung - der Kuscheleffekt seiner leicht silberblickenden, dunklen Augen wirkte immer, und sei es nur, dass er sein Gegenüber verwirrte. Nur, dass Pfeffer sich so rein gar nichts aus Frauen machte.

.... Fortsetzung nur im Buchladen!

Reine Nervensache


Kurzinhalt:
Ein irrer Axtmörder, der mit Leichenteilen im Gepäck nachts als Tramper unterwegs ist, das ist nichts weiter als ein gruseliger urbaner Mythos – dachten bislang jedenfalls Nathalie, Frank und Benni. Doch der Anhalter, den sie in jener glutheißen Julinacht mitnehmen, belehrt sie eines besseren. Die Jugendlichen geraten in einen Alptraum, in dem die Grenzen zwischen Realität und Einbildung verwischen. Nur eins ist sicher: Der abgetrennte Schädel, der letztlich durch den Wagen kullert, ist echt. Er gehört dem erfolgreichen Produzenten einer beliebten Reality-Show.
Kein leichter Fall für Kriminalrat Max Pfeffer, denn die Frage, wo der Körper des Toten verblieben ist, wird schnell völlig zweitrangig. Was verheimlicht der schwergewichtige Kompagnon und Jugendfreund des TV-Produzenten? Welche Rolle spielen die bothox-süchtige Witwe und deren anabolika-abhängiger Liebhaber? Warum ist ein erzkonservativer, bibeltreuer Kardinal so brennend an dem Fall interessiert? Und wie paßt eine attraktive Hirn-Forscherin in das Puzzle? Pfeffer müßte eigentlich einen kühlen Kopf bewahren, doch in seinem Privatleben geht es momentan drunter und drüber. Also läßt er sich auf ein gefährliches Spiel mit Tatverdächtigen ein. Er muß erkennen, daß Abenteuer am Abend teuer werden und der Grat zwischen Wahn und Wirklichkeit sehr schmal ist. Ehe Max Pfeffer sich versieht, steckt er in seinem ganz persönlichen Alptraum. Und er muß sich beeilen, daraus aufzuwachen, denn wer immer den TV-Produzenten köpfte, hat es nun auf das abgesehen, was Pfeffer liebt: seine Familie.
Krimifans kennen den melancholischen Kriminalrat Max Pfeffer bereits aus »Das geschenkte Mädchen« (Leda-Verlag, 2004). Martin Arz legt mit »Reine Nervensache« seinen zweiten Pfeffer-Roman vor.

»Reine Nervensache«, Pfeffers zweiter Fall, Kriminalroman von Martin Arz, September 2005, Leda-Verlag, Leer, ISBN 3-934927-62-9


Leseprobe:
Aus: Reine Nervensache...

»Gut, dann schauen wir nach«, sagte Nathalie und stieg aus dem Wagen. »Frankie, du kommst mit und Benni bleibt im Wagen, falls …«
»Falls was?«, fragte Frank provozierend.
»Nix.«
»Du meinst, falls es doch eine Falle sein sollte. Dann kann er wenigstens nicht alle von uns auf einen Schlag erwischen, oder?« Frank verdrehte die Augen und tippte sich an die Stirn.
»Penner! Kommst du nun mit?«
»Ich muss eh im Wagen bleiben, weil ich der einzige von uns bin, der einen Führerschein hat, logo, oder?«, sagte Benni. »Und wartet, mein Onkel hat immer Taschenlampen im Wagen. Für alle Fälle.« Er wühlte im Handschuhfach und holte zwei große Mag-Lites heraus. »Hier. Damit kann man im Zweifelsfall auch psychopathischen Mördern eins über die Birne ziehen.« Die beiden Jungs lachten.
Nathalie schnappte sich eine der Taschenlampen, strich sich den khakifarbenen Minirock zurecht und ging los Richtung Haus. Das Gartentor war nur angelehnt. Das Mädchen ließ den Lichtkegel ihrer Mag-Lite über die Hausfassade tanzen. Das Gebäude machte einen leicht heruntergekommenen Eindruck. Die Fassade schien schmutzig braun und von den geschlossenen Fensterläden löste sich in großen Flächen die alte grüne Farbe. Ein zweiter Lichtkegel gesellte sich zu ihrem. Frank hatte zu ihr aufgeschlossen. Gemeinsam betraten sie den Garten, den sie bei Sonnenlicht sicherlich als romantisch-verwildert bezeichnet hätten. Nun im Dunkeln schien er ihnen düster-verwahrlost.
»Hallo!«, rief Frank. »Hallo, Jo. Bist du da irgendwo?« Keine Antwort. »Falls du ausgerutscht bist und dir das Genick gebrochen hast, lass es uns wissen!«
»Sehr witzig«, meinte Nathalie. »Hier liegt jedenfalls niemand. Vielleicht sollten wir mal um das Haus herumgehen.« Sie stapften durch das nasse Gras, beleuchteten abwechselnd die Fassade des Hauses und die dunklen Kiefern hinter dem Garten mit den Taschenlampen. Keine Spur von Jo oder sonstwem. Als sie das Haus umrundet hatten, warf Nathalie einen kurzen Blick zurück zum Auto an der Straße. Benni hatte die Innenbeleuchtung angelassen und saß relaxt hinterm Steuer. Als hätte er ihren Blick bemerkt, winkte er kurz.
»Lass uns mal schauen, ob jemand zu Hause ist«, sagte Frank und schritt zur Eingangstür. Er rüttelte dramatisch am Knauf und drehte sich mit weit aufgerissenen Augen zu Nathalie um. »Hey, das gibt’s nicht!«
»Was?« Nathalie war sofort von seiner Erregung erfasst. »Ich wusste es doch, die Tür ist offen, oder?«
»Äh …« Frank entspannte seine Gesichtszüge und löste seine Hand von dem Knauf. »Nein, abgesperrt.«
»Depp«, rief Nathalie, wütend über sich selbst, dass sie auf Franks Spiel hereingefallen war. »Hinterm Haus war doch noch eine Tür, da können wir es ja auch noch versuchen.«
Sie gingen zur Hintertür, die offenbar von der Küche zu einer kleinen Terrasse führte. Auch hier rüttelte Frank dramatisch am Knauf, doch er konnte sein Spielchen nicht durchziehen. Denn wie erwartet und gleichzeitig befürchtet, ließ sich die Türe öffnen. Der Junge stand einige Sekunden unschlüssig vor dem Dunkel, das im Inneren des Hauses lauerte.
»Jetzt reicht es echt!« Nathalie trat neben Frank und packte seinen Oberarm. Frank lebte praktisch im Sportstudio, sofern es die Abiturvorbereitungen erlaubten. Zwar behauptete er immer, er trainiere so viel, weil die Mädels drauf stehen würden, doch in Wahrheit stand vor allem sein Ego auf einen durchtrainierten Körper. Seine harten Muskeln zu fühlen gab Nathalie zusätzliches Selbstvertrauen. »Hier läuft was ganz Schräges.«
Nathalie erinnerte sich an die zahllosen Horrorfilmen, die sie gesehen hatte. Da gab es immer, selbst in den besser gemachten, eine klassische Sequenz, in der einer der jung-dynamischen, attraktiven Hauptdarsteller, meist die knackige Blondine, aus welchen Gründen auch immer ein gruseliges Gemäuer, alternativ dazu einen finsteren Keller, betreten musste. Ebenso üblicher- wie unlogischerweise stolperte die Blondine sinnlos »Hallo, hallo«-rufend in die Dunkelheit hinein, geradewegs dem Psychopathen mit der Kettensäge in die Arme, statt als allererstes einen Lichtschalter zu suchen, um die Lage besser überblicken und dem Killer vielleicht entkommen zu können. Nathalie tastete an der Wand entlang, fand schnell den Schalter und machte Licht. Die beiden Jugendlichen betraten zögernden Schrittes langsam das Haus.
»Hör zu«, sagte Nathalie bestimmt, »wir gehen schnell in jeden Raum und machen alle Lichter an, die wir finden. Alle! Erst dann schauen wir uns um.« Frank hatte nichts dagegen. Schnell durchschritten sie die Küche, den engen Flur, das kleinen Wohnzimmer, das Schlafzimmer, ebenso Bad oder Toilette. Obwohl sie ihr Augenmerk auf Lichtschalter gerichtet hatten, war den beiden gleich aufgefallen, dass Jo oder wer immer hier wohnte, kein gutes Händchen für Inneneinrichtung hatte und vor allem öfter lüften sollte. Als sie sich genauer umsahen, entdeckten sie ein Chaos an zusammengewürfelten Sesseln mit speckigen Bezügen und Stühlen unterschiedlicher Epochen im Wohnzimmer, dem Wust aus Kissen, Kleidung, Decken und Undefinierbarem in allen Schlafzimmerecken, die fein säuberlich zusammengeschnürten Stapel von Zeitungen entlang der Badezimmerwände, die Pyramide aus milchigen Einmachgläsern, in denen Undefinierbares schwamm, in der Mitte der Küche, die grässlichen unmodernen Tapeten, die sich an zahllosen Stellen von den Wänden lösten, die Schimmelflecken in der Toilette, die von oben bis unten mit kitschigen Marienbildchen tapeziert war. Im Flur hingen an der einen Wand große Schwarzweißfotos von Unfallopfern, Großaufnahmen von entstellten, zerfleischten, malträtierten Gesichtern, die gegenüberliegende Wand war mit unzähligen Gekreuzigten übersät, Hunderte von gemarterten Christuskörpern aus Holz ohne Kruzifix. Im Schlafzimmer bemerkte Frank das Riesenposter, das genau dem Bett gegenüber an der Wand hing. Es zeigte die berühmte Szene aus dem Film Das Schweigen der Lämmer, in der die beiden Wachmänner, die den Kannibalen Hanibal Lector in seinem Hochsicherheitskäfig bewachen sollten, brutal ermordet wurden und in einer melodramatischen Inszenierung wie geschlachtete Engel an den Gitterstäben gefesselt hängen.
»Boah, wie widerlich«, rief Nathalie, die innerlich einen Kampf zwischen Schock, Ekel und Neugier ausfocht. Eben noch hatte die Neugier überwogen, nun hielten sich die Gefühle die Waage. Zum ersten Mal war Nathalie froh, dass Frank so ein Eau-de-Toilette-Junkie war, denn der Duft brachte etwas Vertrautes, Angenehmes in diese streng müffelnde Bruchbude. Franks zu riechen beruhigte sie mehr, als sie es sich selbst eingestehen konnte.
»Und guck mal hier.« Frank deutete auf den Nachttisch, dort lagen mehrere Rollen Küchenpapier. Dann zeigte er auf einen Haufen zerknüllter Küchentücher, die auf und neben dem Bett lagen. Mit spitzen Fingern hob er ein Knäuel auf. »Jede Wette, dass der sich einen auf das Bild da wichst. Muss der krank sein.«
Im Wohnzimmer fiel Nathalie ein riesiges Ölgemälde auf, das über einer verschrammten Anrichte hing. Das Bild war schlecht gemalt, doch der Dargestellte kam Nathalie bekannt vor.
»Das solltest du dir mal ansehen«, sagte Frank und lenkte Nathalie davon ab, was sie eben in der Zimmerecke erspähte: Dort lagen achtlos auf einen Haufen geworfen mehrere ramponierte Tierpräparate – Wiesel, Vögel und ein Fuchs. Nathalies Blick blieb sekundenlang an einer ausgestopften Hauskatze hängen.
Frank hielt ihr ein Album unter die Nase. »Das lag aufgeschlagen auf dem Couchtisch da.« Sie blätterte darin herum. In dem Album klebten säuberlich ausgeschnitten und chronologisch sortiert zahllose Artikel über den Kannibalen von Rotenburg, der einst monatelang die Schlagzeilen beherrscht hatte. Der unscheinbare Mann hatte per Internet einen Kandidaten gesucht, der sich von ihm schlachten und verspeisen lassen wollte – und einen Berliner Ingenieur gefunden, dessen sehnlichster Wunsch es angeblich gewesen war, so zu sterben und gegessen zu werden. Hinter der romantischen Fassade eines Fachwerkhauses in einem kleinen hessischen Dorf war es dann zu der Tat gekommen. Der Mord war erst Jahre später aufgeflogen, als eine Sonderkommission der Polizei einschlägige Chatrooms observierte und dabei auf eine neue Suchanzeige des Kannibalen stieß.
Nathalies riss den Kopf herum zu dem Bild über der Anrichte. Natürlich – deshalb war ihr das Gesicht so bekannt vorgekommen, das Gemälde war ein Portrait des Menschenfressers. Armin Meiwes – sogar der Name des Verbrechers fiel ihr plötzlich ein. Warum konnte sie sich nur an den Namen des Kannibalen erinnern?
»Okay, das reicht«, sagte Nathalie laut, ihre Neugier war mehr als befriedigt. »Ich weiß nicht, was hier läuft, aber ich haue ab. Hier schaut es aus wie in einem Marilyn-Manson-Video. Und das brauche ich überhaupt nicht. Wenn das hier eine perverse Spielart von Versteckte Kamera ist, dann kommt jetzt raus, Leute.« Sie machte eine kurze Pause, wohl wissend, dass nichts passieren würde. Sie merkte, dass Frank blasser als sonst aussah und ständig schluckte. »Gut. Ich bin weg. Ich habe die Schnauze voll. Frank, wir gehen.«
Sie verließen das Haus durch die Küche. Als sie die Pyramide mit den großen Einmachgläsern passierten, blieb Frank stehen und sagte: »Schau mal. Oder besser, nein, schau lieber nicht.«
Doch Nathalie schaute bereits. In den Gläsern am Fuße der Pyramide dümpelten weißliche zoomorphe Gebilde in gelblicher Flüssigkeit, die aussahen, als hätten fette Maden beschlossen, groteske Karikaturen von Säugetieren und Vögeln zu bilden. »Tierembryonen«, entfuhr es Nathalie. In den höheren Etagen befanden sich in Alkohol eingelegte Organe. Sie erkannte ein Herz und eine Lunge. Die Präparate kamen ihr alt vor, weil sie fast völlig farblos in einer trüben Flüssigkeit schwammen – und weil auf manchen Gläsern Beschriftungen mit Datumsangaben vor 1960 zu lesen waren. Ganz oben auf dem Stapel befand sich das größte Glas. Darin steckte ein menschlicher Fötus, zumindest etwas, das entfernt an einen menschlichen Fötus erinnerte. Die schrumpelige Haut war mit großen dunklen Flecken übersät, wo die Nase hätte sein sollen, klaffte eine längliche Spalte.
»Ich kotz gleich«, sagte Frank und atmete schwer. »Ich hoffe, ich wache bald auf!«
Nathalie packte seine Hand und zog ihn mit sich fort. Nur raus hier, schoss ihr durch den Kopf, bevor er uns erwischt. Sie hatte sich tapfer dagegen gewehrt, doch nun kehrte die Axtmörderphantasie mit Vehemenz in ihr Bewusstsein zurück. So sehr sie sich auch einredete, dass das alles hier nur eine Inszenierung sein konnte, ein realer Splatterfilm, mit dem sie auf den Arm genommen werden sollte – von wem auch immer, weshalb auch immer –, sie wusste tief in ihrem Inneren, dass es real war.
»Egal was Benni sagt, ich will, dass wir sofort weiterfahren und nicht eine Sekunde länger auf diesen Typen warten, der sich auf Kannibalen einen runterholt«, sagte Nathalie, und bemühte sich ihre aufkeimende Panik niederzudrücken und nicht loszurennen. War da nicht ein Geräusch im Gebüsch? Nicht hysterisch werden, sagte sie sich und während sie sich dem Van näherten, der wie ein skurriler leuchtender Riesenkäfer an der Straße parkte, wiederholte sie laut: »Kapiert, Frank? Wir hauen ab. Egal, was Benni sagt.«
Doch Benni konnte gar nichts sagen. Er war weder im Auto noch in der Nähe.
»Benniiiii!«, rief Frank und tastete mit dem Lichtkegel seiner Mag-Lite den Wald ab. »Benjamiiiiiin!« Seine Stimme zitterte und überschlug sich.
»Das ist nun ebenfalls nicht witzig«, sagte Nathalie, öffnete die Wagentür und setzte sich schnell auf den Beifahrersitz, nachdem sie die Reisetasche des Trampers in den Fußbereich geschubst hatte.
»Da läuft echt ’ne ganz abgewixte Sache. Scheiße!« Frank stieg ein. Nathalie drückte den Türknopf auf ihrer Seite, die Zentralverriegelung ließ alle Autotüren zuschnappen. Sie fühlte sich etwas sicherer.
»Hmm, Schlüssel steckt natürlich auch nicht. Kommt jetzt die Geschichte, in der der Mörder ums Auto schleicht und dann den abgeschlagenen Kopf des vermissten Freundes auf das Wagendach schlägt, während sich die im Auto Wartenden vor Panik in die Hose machen?« Frank versuchte zu lachen. Es blieb bei dem Versuch.
Nun erst merkte Nathalie, dass Frank noch viel näher an einer Panik war als sie. Er zitterte und schwitzte. Sein Blick huschte suchend durch die Dunkelheit draußen. Der parfümierte Muskelprotz war ein nach Angstschweiß stinkendes Häuflein Elend, das versuchte, mit coolen Witzen einen letzten Hauch von Männlichkeit aufrecht zu erhalten.
Nathalie seufzte und wühlte in ihrem kleinen schicken Ausgehrucksack nach ihrem Handy. »Okay, tief durchatmen, ich rufe Benni an. Oder wen auch immer.« Das Mobiltelefon in ihrer Hand, diese geballte Ladung High-Tech im Miniformat, gab ihr schlagartig neue Zuversicht.
»Tu das. Und ich werde nun das Geheimnis der Trampertasche lüften.« Frank schnaufte schwer, beugte sich hinüber und zog die Tasche zwischen Nathalies Füßen hervor. Er stellte die Tasche auf seine Knie und zog am Reißverschluss, der sich mühelos öffnen ließ.
»Scheiße, kein Netz«, sagte Nathalie und starrte auf das Display. »Irgendwie logisch.« Aus den Augenwinkeln bemerkte sie eine Bewegung neben dem Auto, in der selben Sekunde klatschte etwas gegen das Fenster. Das Mädchen schrie panisch auf und krallte ihre linke Hand in Franks Arm. Was gegen die Scheibe der Beifahrertür geklatscht wurde, war eine Hand. Die Hand bewegte sich und zog Schlieren über das Fenster, blutige Schlieren.
»Es reicht!«, schrie Nathalie. »Es reicht! Schluss! Aufhören!«
Die Hand wurde urplötzlich zurückgezogen. Dann kam dieses Geräusch, das Kratzen und der charakteristische Ton von Blech, das eingedrückt wird. Der Van schwankte ein wenig hin und her. Jemand kletterte auf das Dach des Vans. Ein Fellbündel klatschte auf die Windschutzscheibe, wieder und wieder. Ob es eine tote Katze oder ein anderes Tier war, konnten die beiden Wageninsassen in ihrer grenzenlosen Panik nicht ausmachen. Sie starrten wie gelähmt auf den Fellklumpen, der im fahlen Licht der immer noch eingeschalteten Wageninnenbeleuchtung mit einem grässlichen »Patsch« mehrfach vor ihnen aus dem Dunkel auftauchte, aufschlug und blutige Schleier hinterließ. Das Blech knackte wieder, dann ein dumpfes Plumpsen. Der Unbekannte war offensichtlich vom Wagendach gesprungen. Plötzlich tauchte ein Gesicht aus dem Dunkel auf und quetschte sich gegen die Scheibe auf der Fahrerseite. Frank hüpfte vor Schreck auf dem Sitz und stieß sich den Kopf am Wagendach. Dass es das Gesicht von Benni war, erkannte Nathalie erst auf den zweiten Blick. Dass er mit Sicherheit tot sein musste, bemerkte sie sofort. Bennis Kopf wurde nach rechts und links geschoben und gab dabei ein ekliges Quietschen von sich. Benni verschwand. Dann tauchte ein weiterer Kopf auf und Frank schrie diesmal noch lauter auf als Nathalie. Das unrasierte Kinn von Jo rieb sich im Blut auf der Scheibe. Er grinste diabolisch und machte Fratzen, presste seine Nase und seine Lippen abwechselnd gegen das Glas. Er weidete sich an dem Entsetzen der beiden Jugendlichen, die sich aneinander klammerten. Dass Frank sich einnässte, nahm Nathalie nur ganz am Rande wahr. Jo zog sich schlagartig zurück. Wie versteinert verharrten die Autoinsassen in ihrer Position. Erst als sich minutenlang nichts tat, lösten sie sich langsam voneinander. Dabei rutschte die Reisetasche, die auf Franks Knien gelegen hatte, zur Seite. Etwas in der Tasche geriet in Bewegung und suchte seinen Weg hinaus. Ein Kopf kullerte über Nathalies Schoß, ihre Beine hinunter und kam im Fußraum zum Liegen.
Während Frank sich erneut in die Hose machte und wie Espenlaub zitterte, schrie Nathalie mit überschnappender Stimme fortwährend »Scheiße! Scheiße! Scheiße!«. Etwas anderes kam ihr nicht in den Sinn. Auch als draußen grelles Scheinwerferlicht aufflammte und mehrere Menschen schemenhaft aus der Dunkelheit des Waldes auftauchten, schrie Nathalie noch ihr Scheiße-Stakkato ...

... Fortsetzung nur im Buchhandel!

kleine Auswahl:


 
 zurück    Homepage Martin Arz