Der Nobelpreis für Chemie geht in diesem Jahr an den deutschen Forscher Gerhard Ertl aus Berlin. Damit erhält nach fast zwei Jahrzehnten wieder ein Deutscher den Chemie-Nobelpreis.
Ertl erhält die Auszeichung für seine bahnbrechende Grundlagenforschung im Bereich der Oberflächenchemie. Seine Arbeiten ermöglichten es unter anderem, die Zerstörung der Ozonschicht besser zu verstehen, teilte das Nobelkomitee am Mittwoch in Stockholm mit. Seine Studien hätten auch zum Verständnis dazu beigetragen, wie Katalysatoren in Kraftfahrzeugen sowie Brennstoffzellen funktionieren und warum Eisen Rost ansetzt.
Ozonschicht und Katalysatoren
"Oberflächenchemie kann sogar die Zerstörung der Ozonschicht erklären, da wesentliche Schritte der Reaktion auf den Oberflächen kleiner Eiskristalle in der Stratosphäre stattfinden", erklärte das Nobelpreiskomitee in seiner Begründung. Ertl sei es gelungen, den Ablauf mehrerer wichtiger chemischer Reaktionen auf Oberflächen im Detail zu beschreiben. Damit habe er die Grundlagen für die moderne Oberflächenchemie geschaffen. Oberflächenchemie sei für die chemische Industrie relevant und helfe beim Verständnis so unterschiedlicher Vorgänge wie dem Rosten von Eisen, dem Funktionieren von Brennstoffzellen und der Wirkung eines Katalysators im Auto. Oberflächenchemische Katalysatoren seien in vielen industriellen Verfahren ausschlaggebend, unter anderem bei der Herstellung von Kunstdünger.
Der Wissenschaftler, war von der Entscheidung tief gerührt. "Mir kamen die Tränen, das sage ich ihnen ehrlich". Ertl erhielt die Nachricht direkt an seinem 71. Geburtstag. "Das ist natürlich das schönste Geburtstagsgeschenk, das ein Wissenschaftler sich überhaupt vorstellen kann - und dazu noch eine Überraschung, mit der ich heute nicht gerechnet hätte." Er sei immer noch sprachlos. Zwar sei ihm bewusst gewesen, dass er zu den Kandidaten gehört habe, erklärte der Wissenschaftler. Trotzdem habe es ihm die Sprache verschlagen, als er erfahren habe, dass er den Preis gewonnen habe. Dies sei die Krönung eines Wissenschaftlerlebens. "Nun plötzlich ist dieser Traum wahr geworden." Immerhin habe er vom Preiskomitee 20 Minuten Zeit bekommen, sich zu sammeln und sich auf den Presseansturm einzustellen. Jetzt klingele das Telefon ohne Unterlass. Seine Mitarbeiter haben sich auf dem Gang vor seinem Büro versammelt, um mit ihm mit Sekt auf den Nobelpreis anzustoßen.
Lob für Standort Deutschland
Ertl, der einen Großteil seiner Forschertätigkeit in Hannover, München und Berlin ausübte, hob kurz nach der Entscheidung besonders die Qualität des Forschungsstandorts Deutschlands hervor. "Ich habe hier nie Probleme gehabt. Ich kann auch nicht verstehen, was alles so gejammert wird über mangelndes Geld." Deutschen Forschern gehe es vielfach besser als in den USA. Ertl ist emeritierter Direktor des Fritz Haber Instituts für physikalische Chemie der Max-Planck-Gesellschaft in Berlin. Er leitete das Institut von 1986 bis 2004, zuvor lehrte er in Kalifornien und lange Jahre an der Technischen Universität München.
Die begehrte Auszeichnung ist mit zehn Millionen schwedischen Kronen (1,42 Millionen Euro) dotiert. Im vergangenen Jahr hatte der US-Wissenschaftler Roger Kornberg den Chemie-Nobelpreis erhalten. Am Dienstag war bereits der Deutsche Peter Grünberg mit dem Nobelpreis für Physik geehrt worden; er teilt sich die Auszeichnung mit dem Franzosen Albert Fert für bahnbrechende Arbeit zur Steigerung der Leistungsfähigkeit von Computer-Festplatten. (mg)
Holger Schumacher. Quelle und Copyright: www.dw-world.de/